Exklusiv-Interview
„Je länger wir warten, desto teurer wird es"

Der Weltwirtschaft droht einer britischen Studie über die Ökonomie des Klimawandels zufolge eine Depression, wenn nicht weltweit gegengesteuert wird. Sir Nicholas Stern, Autor des Berichts, über die Gründe, warum der Kampf gegen die Klimaerwärmung nicht aufgeschoben werden darf.

Handelsblatt: Sir Nicholas, nächste Woche fahren sie nach Nairobi und unterrichten die UN-Klimakonferenz über ihre Erkenntnisse. Was werden sie den Delegierten sagen?

Stern: Was in meinem Bericht steht: Dass wir versuchen müssen, die CO2 Konzentrationen in der Atmosphäre bei etwa 450 parts per million (ppm) zu stabilisieren und dass wir, um dies zu schaffen, sehr schnell handeln müssen. Wenn das CO2 auf 550 ppm oder höher steigt, sind die Folgen unabsehbar, vor allem in den armen Ländern, wo die Wirkungen als erstes zu spüren sind. Ganze Landstriche werden vernichtet. Je länger wir warten, desto teuerer wird es. Handeln wir jetzt, beträgt der Wachstumsverlust bis zum Jahr 2050 vielleicht ein Prozent. Machen wir weiter „Business as usual“, büßen wir um die 20 Prozent Wachstum ein.

Wie viel Zeit haben wir für diese Ein-Prozent-Lösung?

Lösung ist nicht das richtige Wort. Es geht darum, die Risiken zu reduzieren. Wie viel Zeit? Wir sind bereits bei 430 ppm und fügen etwa 2,5 ppm jedes Jahr hinzu, mit steigender Tendenz. Wenn wir in den nächsten zehn, nicht wirklich hart handeln wird es sehr schwer werden, die Konzentration nicht über 450 ppm steigen zu lassen. Das Problem ist, dass sich diese Sachen über lange Zeit hinweg ansammeln, man die Konsequenzen aber erst sehr spät sieht. Wir dürfen es nicht hinausschieben. Wenn wir jetzt nicht handeln, verlieren wir die Chance, die Emissionen unter 450 ppm zu halten.

Haben wir international die richtigen Strukturen und Mechanismen dafür?

Wir kommen dahin. Wir brauchen mehr, aber wir machen Fortschritte. Kyoto ist sehr hilfreich. Der EU Emissionshandel ist sehr wertvoll, die asiatisch-pazifische Technologiepartnerschaft ist eine anderes Instrument, das hilft. Wir müssen all diese Mechanismen ausbauen und verstärken. Europa kann dabei eine Führungsrolle spielen, unser Emissionshandelsystem ist das effektivste und umfassendste der Welt. Europa ist auch stark im technologischen Bereich und wir brauchen sehr viel neue Technologie. Deutschland ist stark in Sonnen- und Windenergie. Wir brauchen aber mehr, auch die Nuklearenergie muss eine Rolle spielen. Und am allerwichtigsten ist die Kohlenstoffabscheidung bei der Kohleverbrennung. Indien, China, Australien, die USA – alle haben viel Kohle und werden diese auch zur Stromerzeugung einsetzen. Kohle ist am gefährlichsten im Hinblick auf CO2 – deshalb ist die Abscheidungstechnologie so unheimlich wichtig. Auch hier kann Deutschland eine Führungsrolle spielen.

Deutschland übernimmt die Präsidentschaft der EU und der G8. Was sollte Deutschland in diese Zeit tun, um die Sache voranzubringen?

Deutschland hat versprochen, den Klimawandel zu einer Priorität machen und muss daran festhalten. Das ist das Wichtigste. Wir dürfen die internationale Dynamik in diesem Prozess nicht verlieren, sondern riskieren wir, dass das „window of opportunity“, das wir jetzt haben, sich ungenutzt schließt. Dann ist ein wichtiger Punkt die Entwicklungshilfe. Viele der armen Länder werden als erste und am härtesten von den Effekten des Klimawandels getroffen. Alle Länder müssen sich den Klimaveränderungen anpassen, aber für diese Länder ist es am schwierigsten und sie brauchen zusätzliche Hilfe. Deutschland und die anderen EU-Länder haben versprochen, 0,7 Prozent ihres BIP bis 2015 für die Entwicklungshilfe zu geben und es ist wichtig, dass diese Zusagen erfüllt werden. Dann kann Deutschland den Ausbau des europäischen Emissionshandels mit vorantreiben und, wie gesagt, bei der technologischen Entwicklung, vor allem bei der Kohletechnologie, eine Führungsrolle spielen.

Seite 1:

„Je länger wir warten, desto teurer wird es"

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%