Experten sehen Risiko
Briten kaufen weiter beherzt auf Pump

Im Königreich ebbt der Kreditboom nicht ab. Und so bringt das Ungleichgewicht in der Wirtschaft die Zentralbank zunehmend in Not.

LONDON. Die ungebrochene Kauflust britischer Verbraucher hat die Bank von England auf dem falschen Fuß erwischt. In ihrer Begründung zur jüngsten Zinssenkung auf 3,5 % im Juli schreibt die Bank, dass „Risiken für zusätzliche Kreditaufnahme der Haushalte und dem daraus folgenden Ungleichgewicht zwischen inländischer Nachfrage und Nettohandel nicht mehr bestehen“. Anders gesagt: Die Währungshüter gingen bei ihrer jüngsten Entscheidung davon aus, dass der Kaufboom langsam abklingt. Eine erneute Zinssenkung würde damit die von vielen befürchtete Kreditblase nicht weiter aufpumpen, so die Kalkulation.

Die neuesten Zahlen jedoch, die den Währungshütern damals nicht bekannt waren, deuten in eine andere Richtung. Für den Monat Juni notierte die Bank von England einen neuen Rekord an vergebenen Krediten: Mit 2,2 Mrd. Pfund liehen sich die Verbraucher innerhalb eines Monat so viel Geld wie nie seit Einführung der Berechnung 1993.

Die Einzelhandelsverkäufe legten im Juni um 1,9 % zu. Und wegen des schönen Wetters bleibt der Trend wohl auch im Juli ungebrochen. Auch die zuletzt gesunkenen Immobilienpreise konnten nach Angaben der Hypothekenbank Nationwide im Juli wieder um 1 % zulegen. Und das Verbrauchervertrauen entfernt sich Umfragen zufolge immer weiter von seinem Tief aus Anlass des Irak-Kriegs. Fazit: Nach Abklingen der Nachfrage klingt das nicht.

Schon sind die Mahner zur Stelle. Jonathan Butler von HSBC nennt das Ungleichgewicht zwischen dem eher schwachen produzierenden Sektor und den Verbrauchern in der britischen Wirtschaft „die größte Gefahr für einen nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung“. Er sieht das Risiko, mit kurzfristigem Wachstum nur mittelfristige Schwächen zu schaffen. Nun ist Butler zuletzt ohnehin ein starker Kritiker der Bank. Doch auch andere äußern sich vorsichtig. Nick Verdi von Barclays Capital sieht die Gefahr, dass „das kaum zu haltende hohe Niveau der Kredite die Wirtschaft in den nächsten Jahren beeinflussen könnte.“ Das könnte passieren, wenn die Zinsen in einer erholten Weltwirtschaft wieder steigen und die Zins- und Tilgungslasten der sich traditionell kurzfristig verschuldenden Briten steigen lassen. Auch Steve Barrow von Bear Stearns räumt ein, dass die Zinspolitik der Briten den Nachfrageboom erst anfacht.

Er sagt jedoch auch: „Bevor man die Bank von England tadelt, sollte man auch auf die amerikanische Fed schauen, wo eine noch aggressivere Zinspolitik gemacht wird.“ Er sieht die „lustlose wirtschaftliche Situation“ in Großbritannien durchaus als Berechtigung für die Politik der Bank von England. Zudem muss die Bank auf externe Zwänge schauen. So wird nach dem Wunsch des Finanzministers Gordon Brown die Berechnung der Inflation zum Jahresende vom bisherigen Index (RIPX) auf den europäischen Standard (HICP) überführt, der die Hauspreise nicht mehr einbezieht. Die HICP-Inflation von 1,1 % ist noch deutlich von der künftigen Zielvorgabe von 2,0 % entfernt. So könnte allein das – trotz gegenteiliger Versicherungen der Zentralbank – dazu führen, dass die Bank die Zinszügel weiter schleifen lässt.

Kurzfristig mahnen die jüngsten Daten jedoch zur Vorsicht. Nick Verdi von Barclay Capital sagt, dass „die Zahlen die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung weiter verringern“. Neville von CSFB sieht nur einen Grund für eine weitere Zinssenkung in den nächsten Monaten: „Wenn die heimische Nachfrage wider Erwarten plötzlich nachgeben sollte.“

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