EZB
Angst vor Zinsschritt steigt

Die Europäische Zentralbank will den Leitzins erhöhen - aber das gefährdet nach Ansicht der meisten Experten die Konjunktur. Kritiker warnen vor dem Schritt und bezeichnen ihn sogar als "gefährlich". Doch auch die „Bank der Notenbanken“ sieht derzeit keinen anderen Ausweg.

noh/HB FRANKFURT. Wenn die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag wie ankündigt den Leitzins von vier auf 4,25 Prozent erhöht, setzt sie nach Ansicht der meisten Experten die Konjunktur im Euro-Raum aufs Spiel. Seit EZB-Chef Trichet am 5. Juni angekündigt hat, es könnte sein, dass man auf der nächsten Sitzung eine Zinserhöhung beschließen werde, haben sich die schlechten Nachrichten zur allgemeinen Lage gehäuft.

Unternehmensumfragen aus Deutschland und dem Euro-Raum zeigen eine starke Eintrübung des Geschäftsklimas an. Der Ölpreis markierte am Freitag ein neues Rekordhoch von über 140 Dollar je Fass. Die Probleme der Banken aus der Subprime-Krise flammen wieder auf, die Inflation in der Euro-Zone erreicht einen neuen Rekord und die Aktienmärkte gehen weltweit auf Talfahrt.

Im Schlepptau des US-Aktienmarktes, wo der Dow Jones in der vergangenen Woche auf den tiefsten Stand seit 2005 sackte, gaben auch deutsche und europäische Aktien bereits in der vergangenen Woche kräftig nach. Am Montag fiel der Dax dann nach den Meldungen der europäischen Statistikbehörde Eurostat zur Inflation bis Mittag noch weiter um 1,7 Prozent auf 6312 Zähler. Damit lag er weniger als 150 Punkte vom seinem Jahrestief im März entfernt, als der Notverkauf der US-Investmentbank Bear Stearns im Strudel der Finanzkrise weltweit die Märkte belastete.

Aufgrund dieser Ansammlung von Abschwungsindizien und von Belastungsfaktoren für die Konjunktur ist der angekündigte Zinsschritt in Fachkreisen so umstritten wie selten zuvor. Im EZB-Schattenrat, einem Expertengremium, dem 15 prominente europäische Ökonomen aus Finanzinstituten, Hochschulen und Forschungsinstituten angehören, halten nur drei Mitglieder eine Zinserhöhung in dieser Woche für angebracht, eines stimmte auf der letzten Sitzung sogar für eine Zinssenkung. Alle übrigen Mitglieder traten für eine Politik des Abwartens ein. Sie sind der Meinung, dass im Zuge der erwarteten Nachfrageabschwächung der Inflationsdruck von selbst zurückgehen werde. Diesen Prozess durch zusätzliches Abbremsen der Wirtschaft zu beschleunigen halten sie für gefährlich.

Seit Gründung des Schattenrats im November 2002 hat noch keine erwartete Zinsänderung der EZB so wenig Unterstützung in dem Expertengremium gefunden. Grund für die Zinserhöhungsabsicht der EZB ist die Angst vor der Inflation. Sie hat der Ölpreisanstieg in Richtung der Vier-Prozent-Marke nach oben getrieben. Dies könnte dazu führen, dass sich eine Inflationsmentalität breitmacht, wenn die Notenbank hier keine Entschlossenheit zeigt.

Nach einer Reihe von öffentlichen Wortmeldungen von EZB-Vertretern halten Marktteilnehmer und Ökonomen die Zinserhöhung am Donnerstag für fast sicher. Darüber, wie es nach dieser Zinserhöhung weitergeht, wird heftig spekuliert. EZB-Vertreter haben mehrfach betont, dass keine Serie von Zinserhöhungen geplant sei, sondern die EZB sich alle Optionen offenhalte.

Die Finanzmarktteilnehmer gehen Zinstermingeschäften zufolge davon aus, dass es in diesem Jahr noch mindestens eine weitere Zinserhöhung geben wird. Die meisten Ökonomen sind dagegen überzeugt, dass der fortschreitende Konjunkturabschwung klarmachen wird, dass die Wirtschaft eine solche Zinserhöhungsserie nicht verkraften würde.

„Die Unternehmen stehen unter hohem Margendruck und schaffen es nicht, die Kosten aufgrund steigender Löhne in höheren Preisen zu überwälzen“, begründete zum Beispiel Schattenratsmitglied Thomas Mayer von der Deutschen Bank, warum er die Angst der EZB vor einer Lohn-Preis-Spirale für übertrieben hält. „In einem solchen Umfeld verstärkt die hohe Inflation lediglich die konjunkturelle Abwärtsbewegung“, gab Mayer einer weit verbreiteten Expertenmeinung Ausdruck.

„Bank der Notenbanken“ mischt sich ein

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hält indes im Kampf gegen die massiv steigende Teuerung weltweit höhere Leitzinsen für notwendig. „Angesichts der eindeutigen und aktuellen Inflationsgefahr und der in den meisten Ländern historisch gesehen sehr niedrigen realen Leitzinssätze scheint auf globaler Ebene eher eine Straffung der Geldpolitik angezeigt“, heißt es im jetzt veröffentlichten Jahresbericht der auch als „Bank der Notenbanken“ bekannten BIZ. Sollte sich das wirtschaftliche Klima allerdings wegen der Finanzkrise weiter abkühlen, müsse flexibel reagiert werden. Einen Königsweg gebe es wegen der unterschiedlichen wirtschaftlichen Voraussetzungen und Herausforderungen in vielen Ländern ohnehin nicht.

Die für die Zinspolitik verantwortlichen Zentralbanken seien mit dem Dilemma konfrontiert, dass die Inflation ausgerechnet in einem Moment steige, in dem sich die Konjunkturaussichten weltweit verdunkeln würden, sagte der Generaldirektor der BIZ, Malcolm Knight. Dennoch müsse eine kraftvolle Antwort gefunden werden, um die Inflationsgefahren wirkungsvoll zu bekämpfen. „Die Zentralbanken müssen besonders wachsam sein“, sagte Knight. Um das Wachstum zu stabilisieren, das durch die schlimmste Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg stark beeinträchtigt sei, könne eine expansivere Haushaltspolitik mancherorts hilfreich sein. Allerdings seien viele Staaten viel zu stark verschuldet.

Insgesamt rechnen die Konjunkturexperten der BIZ mit einem noch tieferen und längeren Abschwung der Weltwirtschaft als bislang von den meisten Beobachtern erwartet. Vor allem die USA stünden am Rande einer Rezession. Am dortigen Immobilienmarkt hatte die Finanzkrise, die derzeit die Welt in Atem hält, im vergangenen Sommer ihren Ausgang genommen.

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