EZB-Chef Trichet zum Zinsentscheid
„Kein Anlass zur Selbstgefälligkeit“

Die EZB steckt seit Monaten in einem Dilemma: Einerseits steigt der Teuerungsdruck. Auf der anderen Seite hält die internationale Finanzkrise die Märkte in Atem und es besteht das Risiko einer Rezession in den USA. Zentralbank-Chef Jean-Claude Trichet machte jetzt klar, was für seine Geldpolitik „Top-Priorität“ hat.

HB FRANKFURT. Die Europäische Zentralbank (EZB) sieht wegen der rekordhohen Inflation in den Ländern der Währungsunion aktuell keinen Spielraum für Zinssenkungen. Die Euro-Zone erlebe derzeit eine recht langwierige Phase vorübergehend hoher Inflationsraten, die in erster Linie von einem massiven Anstieg der Preise für Energie und Nahrungsmittel herrühre, sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet im Anschluss an die reguläre Sitzung des EZB-Rates in Frankfurt.

Kurzfristig sei der Preisdruck so stark und das Wachstum der Geldmenge derart groß, dass auf mittlere Sicht Risiken für die Preisstabilität in der Euro-Zone bestünden. „Es gibt deshalb überhaupt keinen Anlass zur Selbstgefälligkeit“, sagte Trichet. „Die Verankerung der Inflationserwartungen hat Top-Priorität.“ Zwar werde sich die Teuerung im Jahresverlauf wohl graduell abschwächen, aber noch Monate über zwei Prozent bleiben. „In einem Zeithorizont von etwa 18 Monaten denken wir aber, dass wir Preisstabilität gewährleisten können.“ Die EZB sieht bei einer Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent Preisstabilität gegeben.

Die Notenbanker hatten den Leitzins für die Euro-Zone am frühen Nachmittag das zehnte Mal in Folge nicht angetastet und bei vier Prozent belassen. Nach Angaben Trichets erfolgte der Beschluss einstimmig.

Das Problem der EZB: Zuletzt kletterte die Inflationsrate in der Währungsunion auf 3,5 Prozent und lag damit so hoch wie noch nie seit Einführung des Euro. Auf der anderen Seite hält die internationale Finanzkrise die Märkte in Atem. Die Wirtschaft in der Euro-Zone habe bislang allerdings kaum Blessuren davongetragen, sagte Trichet. „Die ökonomischen Fundamentaldaten der Euro-Zone sind gesund.“

Finanzkrise wird länger dauern als gedacht

Allerdings sei das von den Turbulenzen an den Märkten ausgehende Maß an Unsicherheit nach wie vor ungewöhnlich hoch. „Und die Spannungen könnten länger dauern als ursprünglich erwartet“, sagte Trichet. Die EZB werde deshalb weiterhin alles Notwendige tun, um für funktionierende Märkte und ausreichend Liquidität zu sorgen. Die Frankfurter Währungshüter hatten in der Vergangenheit gemeinsam mit anderen Zentralbanken immer wieder frisches Geld in das Finanzsystem gepumpt um ein Austrocknen etwa des Geldmarktes zwischen den Banken zu verhindern.

Den Rekordstand des Euro gsieht die EZB indes gelassen und fürchtet keine übermäßig negativen Folgen für die europäische Wirtschaft. Trichet vermied aber im Gegensatz zu früheren Phasen der Euro-Aufwertung deutlichere Worte. „Mein Schweigen zu diesem Thema können Sie selbst interpretieren“, sagte Trichet.

Der starke Euro hilft der Notenbank im Kampf gegen die zunehmende Inflation im Euro-Raum, die im März einen Rekordwert von 3,5 Prozent erreicht hat. Ein steigender Eurokurs schwächt die Inflation ab, weil er Importe - vor allem das in Dollar abgerechnete Öl - verbilligt.

Allerdings dämpft der starke Euro zugleich auch die Exportchancen der europäischen Wirtschaft. Die EZB sieht die Konjunktur im Euro-Raum aber weiter auf moderatem Wachstumskurs. Der Euro war unmittelbar vor der Zinsentscheidung auf einen neuen Höchststand von 1,5912 US-Dollar geklettert.

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