EZB-Chefvolkswirt gibt Märkten missverständliches Signal, dementiert dann aber die Vorbereitung einer Lockerung der Geldpolitik
Issing nährt Zinssenkungs-Spekulationen

Der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB) Otmar Issing ist Spekulationen entgegen getreten, er habe in einem Beitrag für eine EZB-Beobachter-Konferenz den Boden für eine Zinssenkung ebnen wollen. Er habe vielmehr das Gewicht der monetären Analyse bei der Beurteilung von Preisrisiken aufzeigen wollen, stellte Issing gegenüber dem Handelsblatt klar.

mak FRANKFURT/M. Eine Zinssenkung sei zur Jahreswende 2004/2005 überhaupt nicht diskutiert worden. Die EZB wird zunehmend kritisiert, bei ihren Zinsentscheidungen die langfristigen Preisrisiken aus der monetären Entwicklung zu vernachlässigen. Zur Jahreswende hatten EZB-Ratsmitglieder eher die Neigung zu einer Zinserhöhung kommuniziert.

In dem Beitrag hatte Issing geschrieben, es bedeute keineswegs, dass die EZB die hohe Liquidität im Euro-Raum vernachlässige, wenn sie die Zinsen konstant halte. Im November 2004 sei die überschüssige Liquidität, die die monetäre Analyse signalisiert habe, ein mittelfristiger Faktor gewesen, der einer weiteren Zinssenkung entgegen gestanden habe. Viele Volkswirte hatten das so interpretiert, dass Issing eine Zinssenkung vorbereite. „Für die Zukunft könnte das heißen, dass auch bei kräftigem Geldmengenwachstum Zinssenkungen nicht ausgeschlossen sind“, kommentierte etwa Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz-Gruppe. Die EZB interpretiere die Geldmengenentwicklung nicht starr.

Issing räumte gegenüber dem Handelsblatt ein, dass die geldpolitische Strategie eine weitere Zinssenkung „nicht ausschließt“. Verglichen mit November 2004 ist die Situation heute ähnlich, nur mit dem Unterschied, dass die EZB die Inflationsgefahren jetzt geringer und die Wachstumsaussichten schlechter einschätzt. Nach Ansicht vieler Analysten hatte sie sich in den vergangenen Monaten selbst in eine Ecke manövriert, indem EZB-Chef Jean-Claude Trichet eine weitere Zinssenkung kategorisch abgelehnt hatte. Experten rätselten, wie die EZB ohne Glaubwürdigkeitsverlust da wieder heraus kommen werde, nachdem sich das Wirtschaftsklima weiter eingetrübt hat. Schon bei der Pressekonferenz am letzten Donnerstag hatte sich Trichet zu entsprechenden Äußerungen nicht mehr verleiten lassen. Anders als noch im April warnte er auch nicht mehr vor den Gefahren des nach wie vor hohen Geldmengen- und Kreditwachstums für die Entwicklung der Vermögenspreise.

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