Konjunktur
EZB-Chefvolkswirt hält Rückgang der Inflation weiter für möglich

dpa-afx FRANKFURT. Ein Rückgang der Inflationsrate in der Eurozone 2005 unter die Zwei-Prozent-Marke ist trotz des hohen Ölpreises nach Einschätzung von EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing weiterhin möglich. "Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Inflationsrate in der Eurozone im laufenden Jahr unter zwei Prozent sinkt. Aber mit jedem Monat wird es unwahrscheinlicher", sagte der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Issing am Mittwochabend in Frankfurt. Im Juni lag die Inflation in der Eurozone vorläufigen Angaben zufolge bei 2,1 Prozent. Die Preisentwicklung sei stark vom Ölpreis abhängig. Für 2006 seien die Chancen aber gut, dass die Inflation unter zwei Prozent falle.

Im Hinblick auf die Konjunkturentwicklung zeigte sich Issing ebenfalls verhalten optimistisch: "Die wirtschaftliche Entwicklung ist in der Schwebe zwischen dahindümpeln und sich verbessern." Das Wachstum im zweiten Quartal in der Eurozone werde schwächer als im ersten Quartal ausfallen. Dies dürfte einen negativen psychologischen Effekt haben. Allerdings böten die jüngsten Daten Anlass zu "leichtem Optimismus". Die Wirtschaftsaktivität werde sich im Laufe des Jahres verstärken.

Vor diesem Hintergrund bezeichnete Issing die Leitzinsen in der Eurozone erneut als "angemessen". Die Finanzierungsbedingungen seien kein Hindernis. "Die Voraussetzungen für ein höheres Wachstum sind gegeben", sagte Issing. Er bekräftigte auch jüngste Äußerungen von EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet, wonach die EZB kein Signal für eine Zinsänderung gebe, in welche Richtung auch immer. Die EZB hatte erst in der vergangenen Woche den seit über zwei Jahren geltenden Leitzins von zwei Prozent unverändert belassen. Entscheidend bleibe die Verankerung der Inflationserwartungen.

Der Ölpreisanstieg habe die Wirtschaft in der Eurozone im Gegensatz zu den 70er Jahren weit weniger hart getroffen. Die Wirkungen des hohen Ölpreises verteilten sich heute viel stärker. Die Lage am Arbeitsmarkt befördere keine Zweitrundeneffekte. Der Ölpreisanstieg habe zwar zu einer Verringerung der Wachstumsraten geführt, nicht aber zu einer Rezession oder Inflation, während die 70er Jahre von einer Stagnation der Wirtschaft bei gleichzeitiger Inflation (Stagflation) gekennzeichnet waren.

Während Issing die allgemeine Preisentwicklung unter Kontrolle sieht, sei dies bei den Vermögenswerten zu bezweifeln. "Wir beschäftigen uns mit diesem Thema", sagte Issing. Die Immobilienpreisentwicklung in einigen Ländern der Eurozone könnte man für bedenklich halten. Maßgeblich sei hier aber die nationale Politik. So seien Steuererleichterungen bei einem rasanten Anstieg der Hauspreise "wenig sinnvoll". Hier sei die Steuerpolitik gefragt, nicht die Geldpolitik der EZB.

Große Sorge bereite der Kurs der Fiskalpolitik in einigen Ländern. Die disziplinierende Wirkung des Stabilitäts- und Wachstumspaktes sei unerlässlich. Allerdings sei die EZB in bestimmten Situationen ein "idealer Sündenbock" für die Politik. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und unbefriedigendem Wachstum sei dies aber lediglich ein vorübergehendes "Ablenken von eigenem Versagen".

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