EZB-Chefvolkswirt Issing warnt vor abrupter Korrektur der Ungleichgewichte
Notenbanken sorgen sich um die Stabilität des globalen Finanzsystems

In den Notenbanken wächst weltweit die Sorge über die Tragfähigkeit der globalen Ungleichgewichte. Nach Ansicht des Chefvolkswirts der Europäischen Zentralbank (EZB), Otmar Issing, sind sie die größte Herausforderung, der sich die wirtschaftspolitisch Verantwortlichen heute gegenüber sehen.

PARIS. In den Notenbanken wächst weltweit die Sorge über die Tragfähigkeit der globalen Ungleichgewichte. Nach Ansicht des Chefvolkswirts der Europäischen Zentralbank (EZB), Otmar Issing, sind sie die größte Herausforderung, der sich die wirtschaftspolitisch Verantwortlichen heute gegenüber sehen. „Je länger sich die Ungleichgewichte aufbauen, desto größer wird das Risiko einer abrupten Korrektur – mit negativen Auswirkungen auf das globale Wachstum und die Stabilität des internationalen Finanzsystems“, sagte Issing bei einem internationalen Symposium der Banque de France.

Auch der Chefvolkswirt der Bank für internationalen Zahlungsausgleich, William White, warnte: Jeder akzeptiere, dass die Ungleichgewichte langfristig korrigiert werden müssten. Da aber niemand wisse, was „langfristig“ sei, könnten auch kurzfristig Probleme auftreten. „Es gibt keinen guten Grund für eine unmittelbar bevorstehende Krise“, sagte White. „Es ist aber auch nicht möglich, sie auszuschließen.“

Das US-Leistungsbilanzdefizit wird für das Jahr 2005 auf 700 bis 800 Mrd. Dollar geschätzt. Das sind mehr als sechs Prozent des US-Bruttoinlandsproduktes (BIP). Noch mehr Sorge als die absolute Höhe des Defizits erregt für viele aber seine Dynamik. Bei gleicher Wirtschaftspolitik und unveränderten Wechselkursen könnte es je nach Schätzung bis 2010 auf acht bis zwölf Prozent des US-BIP ansteigen. Verglichen damit waren die Leistungsbilanzen der wichtigsten Volkswirtschaften bis Mitte der 90er-Jahre noch weitgehend ausgeglichen (siehe „US-Defizit explodiert“).

Das Hauptargument derer, die das US-Leistungsbilanzdefizit nicht beunruhigt besagt, dass das Produktivitätswachstum der US-Wirtschaft, die Finanzierung des Defizits weiterhin erlaube. „Es ist schwer zu glauben, dass in einer integrierten globalisierten Weltwirtschaft ein Land auf Dauer einen höheren technischen Fortschritt haben soll als der Rest der Welt“, widersprach der Gouverneur der mexikanischen Notenbank, Guillermo Ortiz. Schon heute erzielten viele Schwellenländer höhere Produktivitätszuwächse als die USA. Issing zitierte Untersuchungen, nach denen das US-Produktivitätswachstum nur rund ein Drittel des Leistungsbilanzdefizits erklärt.

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