EZB
Der Stress mit den Tests

Notenbanker haben unterschiedliche Auffassungen über die Notwendigkeit von Stresstests in Europa. Frankreichs Notenbankgouverneur Christian Noyer hält europaweit durchgeführte Stresstests im Finanzsektor für sinnvoll – und stößt damit auf Kritik.

FRANKFURT. „Ich bin vollkommen für Stresstest auf europäischer Ebene, deren Ergebnisse nach Ländern veröffentlicht werden“, sagte Frankreichs Notenbankgouverneur Noyer, der auch Mitglied des Rats der Europäischen Zentralbank (EZB) ist, bei einer Anhörung in Paris. Franz-Christoph Zeitler, der in der Bundesbank für die Bankenaufsicht verantwortlich zeichnet, unterstützt dagegen die Arbeiten des Londoner „Committee of European Banking Supervisors“ (Cebs). Es untersucht die Stabilität des Finanzsystems in der EU, nicht die einzelner Institute. Das Komitee will seine nächste Risikoeinschätzung bis September vorlegen.

EU-Wirtschafts- und Währungskommissar Joaquin Almunia hatte vorige Woche Banken und Regierungen gedrängt, durch Stresstests den Rekapitalisierungsbedarf der europäischen Finanzinstitute zu ermitteln. Europas Banken benötigten mehr frisches Kapital als ihre amerikanischen Konkurrenten, befürchtet Almunia. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) fordert für Europa einen einheitlichen Stresstest, weil er noch zahlreiche Risiken in den Büchern europäischer Banken vermutet.

Auf nationaler Ebene gibt es bereits Stresstests in Europa. EZB-Chef Jean-Claude Trichet hatte bei einer Pressekonferenz Anfang Mai klargestellt, dass die Stresstests von den nationalen Aufsichtsbehörden ausgeführt würden. Nach Ansicht von Zeitler dürften in der EU einheitliche Stresstests für alle Banken wegen der Heterogenität der Institute und Geschäftsmodelle auch wenig sinnvoll und potenziell irreführend sein. Zudem bestehe ein wesentlicher Unterschied im Vergleich zu den USA darin, dass die EU die neuen Eigenkapitalvorschriften (Basel II) schon lange umgesetzt habe, in Deutschland etwa in der Solvabilitätsverordnung. Danach hätten die Institute bereits für alle wichtigen Risikokategorien regelmäßig Stresstests durchzuführen. Diese Tests seien im Licht der Finanzmarktkrise überarbeitet worden, sagte Zeitler.

Gegen die Veröffentlichung der Stresstests hat der Bundesbanker Vorbehalte. Sie seien ein wichtiges Mittel für die Leitung und die Kontrollorgane eines Instituts, ebenso wie für die Aufsicht. „Man darf Stresstests aber nicht mit einer Prophezeihung der Zukunft verwechseln, sagte Zeitler. Die Realität werde sich oft anders entwickeln als die jeweils aktuellen Einschätzungen. Eine Veröffentlichung von Stresstests könnte deshalb kontraproduktiv sein.

Zeitler plädiert dafür, die Verantwortung für die Stresstests auf der nationalen Ebene zu belassen, da auch eine mögliche Rekapitalisierung nach den Finanzmarktstabilisierungsgesetzen aus den nationalen Budgets der Mitgliedstaaten erfolge. Die Sach- und Finanzverantwortung sollten auf der gleichen Ebene angesiedelt sein, fordert er.

Sollte sich gleichwohl die Idee von Stresstests im europäischen Rahmen durchsetzen, müsste nach Ansicht von Noyer die EZB die Federführung haben. Er bezeichnet es als Paradoxon, dass derzeit keine EU-Behörde imstande sei, die Solidität des europäischen Bankensystems zu garantieren. Weder er noch irgend jemand anderes habe Einblick in die Lebensfähigkeit großer Banken außerhalb seines Aufsichtsbereichs. Das gelte auch für Trichet. „Daran wird sich auch so lange nichts ändern, bis wir beschließen, der EZB die Koordination der Aufsicht in Europa zu übertragen“, sagte Noyer.

Für eine Kapitalausstattung, die vergleichbar wäre mit der Situation Mitte der 1990er-Jahre, fehlen den Banken in den USA laut IWF rund 500 Mrd. Dollar, im Euro-Raum rund 725 Mrd. Dollar und in Großbritannien 250 Mrd. Dollar. Die britische Finanzaufsicht FSA geht bei ihren jüngsten Stresstests von einem düstereren Konjunkturbild aus als die USA. Die Ergebnisse ihrer Stresstests will sie nicht veröffentlichen. mak

Kapitalbedarf

Kapitallücke

Um zu einer Eigenkapitalausstattung wie vor Ausbruch der Finanzkrise zurückzukehren, fehlen den Banken nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) in den USA 275 Mrd. Dollar, im Euro-Raum 375 Mrd. Dollar, in Großbritannien 125 Mrd. Dollar und in den übrigen entwickelten Volkswirtschaften Europas rund 100 Mrd. Dollar. Eine Kapitalausstattung wie etwa Mitte der 90er-Jahre würde noch weit mehr Eigenkapital erfordern.

Verluste

Nach Daten der Nachrichtenagentur Bloomberg haben die Banken in Europa bis Mitte Mai Verluste von 250 Mrd. Euro offen gelegt, und sie haben in etwa in diesem Umfang neues Kapital aufgenommen. Bei den US-Instituten lagen die Verluste nach Bloomberg-Daten bei 450 Mrd. Euro. Diese seien aber bei weitem nicht durch neues Kapital ausgeglichen worden. Der IWF vermutet in den europäischen Bankbilanzen noch weitere Risiken. Ihre Aufdeckung sei noch lange nicht in dem Maße erfolgt, wie es notwendig sei, erklärte ein IWF-Experte.

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin
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