EZB-Entscheidung: Draghi gibt Banken Zucker – und droht mit der Peitsche

EZB-EntscheidungDraghi gibt Banken Zucker – und droht mit der Peitsche

Die EZB hat den Schlüsselzins auf Rekordtief gesenkt. Damit kommen Banken so günstig an Geld wie nie. Allerdings könnten ihnen künftig Strafen drohen, wenn sie das Geld nicht weitergeben. Die Märkte reagieren verstimmt.

BratislavaDie Banken in der Euro-Zone können sich noch mindestens ein Jahr lang unbegrenzt Geld bei der Europäischen Zentralbank (EZB) leihen. Diese Regelung werde mindestens bis zum 9. Juli 2014 verlängert, kündigte EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstag an. „Unsere Maßnahmen kommen allen Banken zu Gute“, sagte Draghi. Ursprünglich wäre die Rundumversorgung im Juli 2013 ausgelaufen.

Bei ihrer Sitzung in Bratislava senkte die Europäische Zentralbank ihren Schlüsselzins von 0,75 auf das Rekordtief von 0,5 Prozent. Damit kommen Geschäftsbanken im Euroraum so günstig an Zentralbankgeld wie nie seit Einführung der Gemeinschaftswährung im Jahr 1999. Die Währungshüter hoffen, dass die Finanzbranche das billige Geld in Form von Krediten an Unternehmen und Verbraucher weiterreichen wird. Der Zinssatz für Geld, das Banken über Nacht bei der EZB parken, bleibt unverändert bei null Prozent. Allerdings könnten den Banken künftig Strafen drohen, wenn sie das Geld nicht an die Wirtschaft weiterleiten.

Die EZB könnte die Banken zu einer stärkeren Kreditvergabe animieren, indem sie künftig eine Art Strafgebühr zahlen müssen, wenn sie Geld bei der Zentralbank parken. „Wir sind technisch darauf vorbereitet“, sagte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, in Bratislava. „Es gibt noch einige ungewollte Nebenwirkungen, die wir meistern müssen, wenn wir uns zum Handeln entscheiden.“

Banken können Geld bei der EZB parken, wofür sie in normalen Zeiten Zinsen bekommen. Damit sie das nicht tun, sondern das Geld als Kredite an Unternehmen weiterreichen, hat die Zentralbank diese Anlageform unattraktiv gemacht, indem sie den Zinssatz schon auf null gedrückt hat. Jetzt könnte die EZB noch einen Schritt weitergehen und mit negativen Zinsen eine Art Strafgebühr einführen.

Das wäre eine unkonventionelle Maßnahme, mit der die Währungshüter noch mehr Geld in den Wirtschaftskreislauf pumpen könnten. An den Finanzmärkten wurde diese Aussicht mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Der Euro fiel nach Draghis Aussagen auf 1,3062 Dollar, nachdem er wenige Minuten zuvor noch bei 1,3215 Dollar notiert hatte. Im Gegenzug kletterte der Bund-Future auf ein Rekordhoch von 147,02 Punkten. „Die Aussage, dass die EZB technisch bereit für einen negativen Einlagezins ist, hat Zinssenkungsfantasien aufgebracht“, sagte Helaba-Analyst Ralf Umlauf.

Die Möglichkeit für Strafzinsen auf Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB löste auch Verkäufe bei Bankaktien aus. Der Branchenindex für die Banken der Euro-Zone verlor bis zu 1,6 Prozent, nachdem er zum Auftakt der EZB-Pressekonferenz in der Spitze um 2,5 Prozent zugelegt hatte. Vor diesem Hintergrund gab auch der Dax seine Gewinne fast komplett ab und notierte mit 7919 Punkten nur noch knapp über seinem Vortagesschluss.

Draghi begründete die Zinssenkung mit der Wirtschaftskrise und der geringen Inflationsgefahr. „Die Lage am Arbeitsmarkt ist schlecht.“ Die pessimistischere Stimmung in der Wirtschaft habe sich zudem ausgedehnt. „Die Zinssenkung soll die Erholung im weiteren Jahresverlauf unterstützen“, sagte Draghi.

Die Währungshüter hoffen, dass die Finanzbranche das billige Geld in Form von Krediten an Unternehmen und Verbraucher weiterreichen wird. Durch Investitionen und Konsum, so die Hoffnung, würde die Konjunktur angekurbelt werden. Das funktioniert bislang nicht in dem erwarteten Maß – obwohl das Zinsniveau im Euroraum bereits seit Juli 2012 extrem niedrig ist und die EZB den Banken zusätzlich mit langlaufenden Krediten zu extrem günstigen Konditionen unter die Arme griff. Kehrseite der Medaille für Verbraucher: Mit niedrigen Notenbankzinsen sind auch extrem niedrige Zinsen zum Beispiel für Sparkonten verbunden.

Die beschlossene Zinssenkung ist nach Ansicht des stellvertretenden CDU/CSU-Fraktionschefs Michael Meister vertretbar. „Die jetzige Zinsentscheidung ist für Deutschland allein betrachtet zwar nicht unbedingt optimal, es gibt aber auch keinen Grund, sie zu dramatisieren“, sagte Meister. „Die EZB muss in ihren geldpolitischen Entscheidungen den gesamten Euro-Raum im Blick haben und nicht nur ein einziges Teilgebiet.“ Er betonte, dass die EZB im Rahmen ihrer Unabhängigkeit selbst einschätzen müsse, ob für die Gesamtwirkung in der Euro-Zone eine Zinssenkung besser sei.

Überraschend kommt die Entscheidung der EZB nicht: Im EZB-Schattenrat, einem vom Handelsblatt initiierten Expertengremium, hatte sich im Vorfeld der Sitzung bereits die Mehrheit der Ökonomen für eine Zinssenkung um 50 Basispunkte ausgesprochen.  Auch prominente Notenbanker hatten ihre Unterstützung für Zinssenkungen signalisiert. EZB-Vizepräsident Vitor Constacio etwa sagte: „Wir haben noch etwas Spielraum, um Entscheidungen zu treffen.“

Sogar Bundesbank-Chef Jens Weidmann ließ eine Hintertür offen. „Wir können die Zinsen anpassen, wenn neue Informationen vorliegen“, hatte er in einem Interview gesagt. Christian Schulz, Ökonom der Berenberg Bank, ist sich sicher: „Das hätte Weidmann so vor zwei oder drei Monaten nicht gesagt.“ 

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  • Der Witz des Tages: Draghi droht den Banken ***LOL***

  • man sollte WENIGSTENS WAHRHEIT WISSEN :

    http://www.youtube.com/watch?v=9a39Zo2rt8A

    Frank Frädrich

  • Warum bezeichne ich die AfD als Populistisch? In einem globalen Kapitalismus, welcher bei Leibe nicht "erfunden" wurde um menschliche Wärme zu schaffen und dessen Elemente (Geld) höchst unerfreuliche Eigendynamiken entwickelt hat, steht nun dieses Europa. Da steht es nun, etwas wackelig zwar, aber steht, so. Alle Fehler die sich ALLEIN aus dem knochenbrecherischen (tut mir leid ich muss es beim Namen nennen) Kapitalismus ergeben, werden 1 zu 1 und unter Ausschluß aller andren Variablen der EU-Politik aufgedrückt... Darum Populismus..möchte mich hier nicht ergiessen, aber gerade die EU dämpft entgegen der AfD Haltung das Gröbste Übel, den der (inhumane, es gibt auch den humanen) Kapitalismus über die Welt legte..

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