EZB
Konjunkturforscher fordern weitere Zinssenkungen

Geldpolitik in der Krisenzeiten: Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben der EZB zu weiteren Zinssenkungen im Kampf gegen die Rezession geraten. Auch ihre Meinung über eine Nullzinspolitik taten die Institute kund.

HB BERLIN. „Angesichts der Tiefe des konjunkturellen Einbruchs und der niedrigen Inflation im Euroraum sollte die Europäische Zentralbank den maßgeblichen Leitzins auf 0,5 Prozent senken“, forderte Ifo-Konjunkturchef Kai Carstensen am Donnerstag bei der Vorstellung des Frühjahrsgutachtens in Berlin. Darin sagen die Forscher ein Schrumpfen der deutschen Wirtschaftsleistung in diesem Jahr von sechs Prozent voraus. Sogar ein Zins von null Prozent wäre aus Sicht der Institute keine ausreichende Reaktion auf die massive Krise.

Derzeit liegt der Leitzins bei 1,25 Prozent, doch haben die Notenbanker um EZB-Chef Jean-Claude Trichet eine weitere moderate Senkung in Aussicht gestellt. Die Konjunkturforscher gehen daher davon aus, dass die EZB den Schlüsselzins bis zur Jahresmitte auf ein Prozent kappen wird. Weitere Senkungen halten die Institute allerdings für wenig wahrscheinlich, da die EZB eine Nullzinspolitik kritisch sieht.

„Eine Absenkung auf 0,5 Prozent würde die wirtschaftliche Erholung allerdings beschleunigen. Gutes Timing der EZB ist gefragt“, meinte Geldpolitik-Experte Torsten Schmidt vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), das am Gutachten beteiligt ist. Inflation sei akut kein Problem. Zugleich sollten sich die Hüter des Euro mit Zinssenkungen gegen deflationäre Risiken wappnen. Für dieses und nächstes Jahr sagen die Forscher für den Euroraum leicht negative Inflationsraten voraus. „Die Kapazitätsauslastung ist in der Krise drastisch gesunken - das drückt auf die Preise“, erläuterte Schmidt.

Die Zentralbank solle ihre Tendergeschäfte längerfristiger als bisher gestalten, empfehlen die Forscher der EZB. Sie solle zudem zu unorthodoxen Maßnahmen greifen und Unternehmens- sowie Staatsanleihen aufkaufen. Zwar sei eine Umgehung des Bankensektors weniger erfolgversprechend als in den angelsächsischen Ländern. Zudem sei die Entscheidung, welche Staatsanleihen erworben werden sollen, für die Zentralbank politisch brisant. „Doch wenn die Wahl besteht, entweder Anleihen zu erwerben oder eine Deflation in Kauf zu nehmen, stellt das Erstere das kleinere Übel dar“, betonte Ifo-Experte Carstensen.

Die Institute gehen davon aus, dass es zu einer langsamen Gesundung des internationalen Bankenwesens kommen wird. „Wenn dann der Aufschwung einsetzt und sich die Lage im Bankensektor stabilisiert hat, werden die expansiven Impulse der Geldpolitik voll durchschlagen“, sagte der Konjunkturchef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Joachim Scheide.

Die Experten schließen zugleich nicht völlig aus, dass es wegen der Bilanzrisiken und der Eigenkapitalprobleme der Geldhäuser zu einer erneuten Vertrauenskrise kommen könnte. „Dann wäre ein Abgleiten in eine weltweite deflationäre Abwärtsspirale nicht unwahrscheinlich.“ Bei einer Deflation fallen die Preise auf breiter Front. Verbraucher und Firmen schieben dabei ihre Investitionen in der Hoffnung auf, dass das Niveau noch weiter sinkt. So entsteht eine Abwärtsspirale, die die gesamtwirtschaftliche Nachfrage lähmt.

Ein drittes Konjunkturpaket empfehlen die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute der Bundesregierung nur als letzten Ausweg aus der Krise. Neue staatliche Hilfsprogramme dürfe es lediglich als Ultima Ratio geben, falls der Bankensektor zusammenbreche und auch die Geldpolitik keine Impulse mehr bringe, sagte IfW-Konjunkturexperte Joachim Scheide.

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