EZB
Ökonomen: Zinsschritt im September steht auf der Kippe

Drei Wochen vor der nächsten Ratssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) sind die Zweifel erheblich gewachsen, ob die Notenbank tatsächlich ein weiteres Mal die Zinsen anheben wird. Angesichts der weltweiten Finanzmarktturbulenzen - und unerwartet schwacher Konjunkturdaten - ist eine Erhöhung Experten zufolge immer unwahrscheinlicher.

HB FRANKFURT. Bisher waren Experten überzeugt davon, dass die EZB im September ihren Hauptrefinanzierungssatz um 25 Basispunkte auf 4,25% erhöhen wird; zu eindeutig waren die Signale aus dem Eurotower. Doch an diesem Freitag dürfte die Stimmung vollends gekippt sein. Nach Äußerungen von Bundesbankpräsident und EZB-Ratsmitglied Axel Weber und einer überraschenden Fed-Zinssenkung sprachen immer mehr Beobachter davon, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung durch die EZB noch weiter gesunken sei.

Weber hatte bei einer Veranstaltung der Bundesbank vermieden, die „starke Wachsamkeit“ der Notenbank in Bezug auf die Inflationsrisiken zu preisen und stattdessen davon gesprochen, die EZB sei sowohl für Preisstabilität als auch für Finanzstabilität zuständig. Nur wenig später senkte die Fed ihren - wenn auch weniger wichtigen - Diskontsatz und deutete zudem erhöhte Risiken für das Wirtschaftswachstum an.

„Nicht von starker Wachsamkeit zu sprechen und gleichzeitig Preis- und Finanzstabilität auf eine Ebene zu stellen, könnte heißen, dass eine Zinserhöhung im September vom Tisch ist“, sagte Citigroup-Ökonom Jose Alzola. Julian Callow von Barclays Capital nahm die Weber-Äußerungen ebenfalls zum Anlass, um von einer gesunkenen Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung im September zu sprechen. „Was Bundesbankpräsident Weber nicht gesagt hat, ist wichtiger als das, was er gesagt hat“, betonte Callow angesichts der fehlenden „Wachsamkeit“.

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, meinte, Webers Äußerungen deuteten darauf hin, dass sich die EZB die Tür für eine Absage der Zinserhöhung offen halten wolle. Sie hoffe allerdings immer noch, dass sie an einer solchen Absage vorbei komme. Gleichzeitig sah Krämer angesichts der überraschenden Fed-Zinssenkung zusätzlichen Druck auf die EZB. „Wenn die wichtigste Notenbank der Welt höhere konjunkturelle Risiken einräumt, kann sich die EZB dem nicht entziehen“, sagte der Ökonom.

Noch dürfte es allerdings einige Zeit dauern, bis sich die möglichen Folgen der Finanzkrise, die ihren Ausgang im US-Hypothekenmarkt nahm, in den Konjunkturindikatoren der Eurozone widerspiegeln werden. Zu denken gibt allerdings schon jetzt, dass sich das Wirtschaftswachstum zuletzt stärker als erwartet abgeschwächt hat - auch ohne den negativen Einfluss von finanziellen Verwerfungen. Eine Zinserhöhung auf 4,50% im Dezember, was noch vor wenigen Tagen eine legitime Überlegung darstellte, dürfte vor diesem Hintergrund vom Tisch sein.

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