EZB-Prognose: Griechenland ist Europas Hemmschuh

EZB-Prognose
Griechenland ist Europas Hemmschuh

Die Europäische Zentralbank erhöht ihre Wachstumsprognose für den Währungsraum, warnt aber vor Risiken. Das zweite Quartal zeigt, wie unterschiedlich sich die Region entwickelt.
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FRANKFURT. Als der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag vor die Presse tritt, hat er eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Der Aufschwung in Europa sei im Frühjahr und zu Sommerbeginn kräftiger als angenommen ausgefallen, sagt Jean-Claude Trichet. „Die Erholung sollte sich in moderatem Tempo fortsetzen.“ Doch den Dämpfer schickt der Franzose gleich hinterher: „Wir befinden uns immer noch in einem unsicheren Umfeld“ – etwa wegen der Probleme in anderen Volkswirtschaften wie den USA oder des Drucks auf die Rohstoffpreise. Und auch in Europa klafft die Entwicklung weit auseinander: Während Deutschland den Takt vorgibt, schrumpft die griechische Wirtschaft weiter.

Immerhin ist die EZB so optimistisch, dass sie gestern ihre Wachstumsprognose für den Euro-Raum anhob. Sie traut dem Währungsgebiet in diesem Jahr einen Anstieg der Wirtschaftsleistung um 1,4 bis 1,8 Prozent zu. 2011 dürfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um mindestens 0,5 Prozent, aber höchstens 2,3 Prozent zulegen. Vor einem Vierteljahr waren die Zentralbanker in Frankfurt für beide Zeiträume noch zurückhaltender.

Ein Grund für ihre gestiegene Zuversicht dürften die Daten aus dem zweiten Vierteljahr sein, in dem die Euro-Wirtschaft weitaus schneller wuchs als in den Vorquartalen. Im Vergleich zum Zeitraum Januar bis März legte das BIP von April bis Juni um ein Prozent zu, wie die europäischen Statistiker gestern mitteilten. Damit bestätigten sie vorläufige Zahlen. Im ersten Vierteljahr war das BIP in der Euro-Zone lediglich um 0,3 Prozent gewachsen, im Schlussquartal 2009 nur um 0,2 Prozent – und das sind bereits nach oben korrigierte Werte. Impulse lieferten im abgelaufenen Quartal die Binnennachfrage ebenso wie der Außenbeitrag: Die Investitionen stiegen um 1,8 Prozent gegenüber dem Vorquartal, der private Konsum um 0,5 Prozent, die Ausfuhren um 4,4 Prozent.

In den kommenden Monaten dürfte die Wirtschaft jedoch etwas an Fahrt verlieren, erwarten Volkswirte. Vor allem Geschäftsklima- und Stimmungsindikatoren weisen der Postbank zufolge darauf hin, dass die Konjunktur sich nur noch mit einer geringeren Dynamik erholt. Der nachlassende Schub über die Konjunkturprogramme sowie Sparmaßnahmen zur Etatkonsolidierung dämpften die Wachstumsaussichten, erwarten sie.

Das größte Sorgenkind des Währungsraums war auch im zweiten Quartal Griechenland: In keinem anderen Land der Euro-Zone sank die Wirtschaftsleistung, nur in Griechenland ging sie um 1,5 Prozent zurück – noch deutlicher als in den Quartalen zuvor. Die schwache Wirtschaftsentwicklung ist zu einem großen Teil den Sparauflagen geschuldet, denen Athen unterliegt. Nach Ansicht der Bundesregierung machen die Griechen bei der Konsolidierung gute Fortschritte: Berlin befürwortete gestern die Auszahlung der zweiten Kredittranche für das pleitegefährdete Land am 13. September. Das geht aus einem Schreiben des parlamentarischen Staatssekretärs im Finanzministerium, Steffen Kampeter (CDU), an die Vorsitzende des Bundestags-Haushaltsausschusses, Petra Merkel (SPD), hervor. Nach der ersten Kreditlinie über 4,43 Mrd. Euro überweist Deutschland nun rund 1,5 Mrd. Euro. Das Geld wird von der staatlichen KfW-Bankengruppe ausgezahlt.

Wie heterogen sich die Wirtschaft des Euro-Raums entwickelt, zeigten zuletzt auch die Arbeitsmarktdaten. In Spanien nahm die Zahl der Arbeitslosen im August erneut zu, nachdem die Arbeitslosenrate im zweiten Quartal bereits bei 20 Prozent gelegen hatte. Dagegen ist die Zahl der Arbeitslosen im wachstumsstarken Deutschland – hier legte das BIP im zweiten Vierteljahr um mehr als zwei Prozent zu – im August erneut gesunken. Trotz des starken Wachstums der größten Volkswirtschaft des Euro-Raums hält EZB-Präsident Trichet kräftige Lohnerhöhungen in Deutschland aber nicht für gerechtfertigt. Solange es Arbeitslosigkeit gebe, seien maßvolle Tariferhöhungen angebracht, sagte er gestern zur Tarifforderung der IG Metall, die für die Beschäftigten der Stahlindustrie sechs Prozent mehr Geld verlangt.

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