EZB revidiert Wachstumsprognosen nach unten
Trichet denkt nicht an Zinssenkungen

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone in diesem und im kommenden Jahr nach unten korrigiert. Die Unsicherheit bezüglich der Wachstumsperspektiven seien „ungewöhnlich groß“. Sorgen bereitet den Währungshütern auch die stark steigende Inflation.

HB FRANKFURT. EZB-Chef Jean-Claude Trichet sagte im Anschluss an die Zinsentscheidung des EZB-Rats, die Volkswirte der Notenbank gingen angesichts der sich abkühlenden Wirtschaft in den USA und der anhaltenden Finanzkrise für dieses Jahr nun von einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts der Euro-Zone zwischen 1,3 und 2,1 Prozent aus. Bislang hatten die Experten der Notenbank mit einem Wachstum zwischen 1,5 und 2,5 Prozent gerechnet. Auch für 2009 senkten die EZB-Wirtschaftsfachleute ihre Prognosen auf 1,3 bis 2,3 (Dezember: 1,6 bis 2,6) Prozent.

Mit Blick auf die konjunkturelle Entwicklung in der Eurozone verwies der EZB-Präsident darauf, dass sowohl die Inlands- als auch die Auslandsnachfrage ein fortgesetztes Wirtschaftswachstum in diesem Jahr stützen würden. Zudem seien die Fundamentaldaten des Euro-Währungsgebiets nach wie vor solide und „die Wirtschaft des Euroraums weist keine größeren Ungleichgewichte auf“, sagte Trichet.

Dennoch sei die Unsicherheit bezüglich der Wachstumsperspektiven „ungewöhnlich groß“ und bei den Aussichten für die Wirtschaftstätigkeit überwögen die Abwärtsrisiken, erklärte der EZB-Präsident. Diese Risiken bezögen sich vor allem darauf, „dass die Finanzmarktentwicklungen stärkere Auswirkungen haben könnten als derzeit erwartet“, so Trichet. Abwärtsrisiken ergäben sich ferner aus dem Potenzial für weitere Preissteigerungen bei Öl und anderen Rohstoffen oder aus einer ungeordneten Abwicklung der globalen Ungleichgewichte.

Ihre Inflationsprognose erhöhte die EZB wegen des jüngsten Anstiegs der Nahrungsmittel- und Energiepreise deutlich. In diesem Jahr werde die Teuerung zwischen 2,6 und 3,2 Prozent anziehen, sagte Trichet. Im Dezember hatten die Experten der EZB noch eine Inflationsrate zwischen zwei und drei Prozent prognostiziert. Im kommenden Jahr werde die Teuerung dann auf 1,5 bis 2,7 Prozent (Dezember-Projektionen: 1,2 bis 2,4) sinken. Die Notenbank strebt Werte von unter zwei Prozent an. Eine hohe Inflation spricht gegen Zinssenkungen, weil niedrige Zinsen die Teuerung anheizen.

Die Prognosen der EZB-Volkswirte werden alle drei Monate überarbeitet. Sie fließen in die Zinsentscheidungen des EZB-Rats ein, sind jedoch nur eine von mehreren Variablen.

Den Euro-Rekord sieht die EZB indes gelassen. gelassen. „Übermäßige Wechselkursschwankungen sind unerwünscht für das globale Wachstum“, sagte Trichet und wiederholte damit eine Standardformulierung. Auf eine stärkere Aussage wollte er sich nicht festlegen. Trichet begrüßte das Bekenntnis der USA zu einem starken Dollar, der im Interesse der amerikanischen Wirtschaft liege. Der Euro notiert bei 1,53 Dollar und bremst die europäischen Exporte. Die Euro-Finanzminister hatten deswegen indirekt Zinssenkungen gefordert. Dies lehnt die EZB mit Blick auf die hohe Inflation aber ab.

Die EZB fühle sich mit dem aktuellen Zinsniveau sehr wohl. Die EZB beließ den Leitzins für die Euro-Zone bei vier Prozent und tastete ihn damit zum neunten Mal in Folge nicht an. Im EZB-Rat habe niemand eine Erhöhung oder Senkung des Leitzinses gefordert, sagte Trichet. „Die jüngsten Informationen bestätigen die Existenz eines starken kurzfristigen Aufwärtsdrucks bei der Inflation“, sagte Trichet. „Sie bestätigen außerdem Aufwärtsrisiken für die Preisstabilität auf mittlere Sicht; das alles im Kontext eines sehr kräftigen Geldmengen- und Kreditwachstums.“

Der Euro verzeichnete während der Ausführungen von Trichet mit 1,5374 US-Dollar ein neues Allzeithoch. Finanzmarktteilehmer hatten im Vorfeld der Pressekonferenz spekuliert, Trichet werde die Wechselkursentwicklung möglicherweise als „brutal“ bezeichnen. Dies hatte er erstmals im Januar 2004 getan, als der Euro zwischen 1,21 und 1,27 Dollar geschwankt hatte.

Zuletzt hatte der EZB-Präsident nach der EZB-Ratssitzung am 8. November 2007 gesagt, „brutale Wechselkursbewegungen“ seien unerwünscht. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Euro 1,47 Dollar gekostet. Anfang der Woche beim Treffen der Euroraum-Finanzminister, als der Euro-Kurs die Marke von 1,52 überschritten hatte, hatte Trichet geäußert, vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung sei es sehr zu begrüßen, dass US-Offizielle den Nutzen eines starken Dollar für die USA betonten.

Der deutsche Aktienmarkt reagierte zunächst nicht auf die Aussagen Trichets.

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