EZB-Schattenrat
Finanzkrise bringt Zinssenkung auf die Agenda

Der EZB-Schattenrat sorgt sich massiv um die Konjunktur in Euro-Raum und fordert Bereitschaft zur einer lockereren Geldpolitik. Eine Mehrheit für eine sofortige Zinssenkung gibt es allerdings noch nicht. Von einer weiteren Straffung der Geldpolitik, zu der die EZB bislang noch tendiert, raten die Exerten nachdrücklich ab.

Die Europäische Zentralbank (EZB) sollte sich nach Ansicht des EZB-Schattenrats auf die erste Zinssenkung seit über vier Jahren vorbereiten. Immer mehr Mitglieder des Gremiums sprechen sich für eine sofortige Zinssenkung um 25 Basispunkte aus, eine Mehrheit dafür gibt es allerdings noch nicht. Kein Ratsmitglied votiert mehr für eine Zinserhöhung. Dem EZB-Schattenrat gehören 19 europäische Ökonomen aus Finanzinstituten, Hochschulen und Forschungsinstituten an. Das Gremium traf sich am Donnerstag aus Anlass seines fünfjährigen Bestehens in London in der Europa-Zentrale von Morgan Stanley.

Über einen Punkt sind sich alle Mitglieder des Schattenrats einig:Durch die Finanzkrise haben sich die monetären Rahmenbedingungen in der Euro-Zone seit dem Sommer spürbar verschärft. „Die Belastungsfaktoren entsprechen einer Zinserhöhung um 75 Basispunkte“, sagte Jacques Cailloux, Europa-Chefvolkswirt der Royal Bank of Scotland (RBS).

Konsens besteht auch darüber, dass sich die Konjunktur-Aussichten für die Euro-Zone deutlich eingetrübt haben. „Der Cocktail aus steigenden Ölpreisen, abkühlenden Immobilienmärkten, restriktiverer Kreditvergabe und einem steigenden Wechselkurs werden das Wachstum im nächsten Jahr klar unter das Potenzialwachstum drücken“, sagt Thomas Mayer von der Deutschen Bank.

Die Schattenräte haben ihre Prognose für 2008 zum vierten Mal in Folge abgesenkt. Im Schnitt rechnen sie nur noch mit einem Wachstum von 1,7 Prozent. Und selbst dieses Plus erscheint einigen nur dann realistisch, wenn die EZB im Laufe des kommendenJahres die Leitzinsen senkt. „Es besteht das Risiko, dass wir 2008 einen viel tieferen Abschwung erleben“, warnte Joachim Fels von Morgan Stanley.

Die EZB gibt sich dagegen deutlich optimistischer: Sie geht davon aus, dass die Wirtschaft im kommenden Jahr mit zwei Prozent wachsen wird. Die Notenbank hat bis zuletzt signalisiert, sie neige eher zu einer weiteren Straffung der Geldpolitik. Seit Ende 2005 hat sie die Leitzinsen in acht Schritten von zwei auf vier Prozent angehoben, der letzte Zinsschritt erfolgte im Juni 2007.

„Eine weitere Zinserhöhung kommt wegen der Fragilität der Finanzmärkte überhaupt nicht in Frage“, fasst der Genfer Ökonomieprofessor Charles Wyplosz die Meinung im Schattenrat zusammen. Durch die Subprime-Krise stünden aber alle Prognosen für 2008 auf sehr wackeligen Beinen. „Die Unsicherheit ist so groß wie nie zuvor“, sagte José Luis Escrivá, Chefvolkswirt der spanischen Bank BBVA. „Wir haben keine Instrumente, um die makroökonomischen Folgen des Schocks, der vom Finanzsektor ausgeht, seriös abzuschätzen.“

Sechs Schattenräte empfahlen der EZB, schon am 6. Dezember ihren Leitzins zu senken. „Die Geldpolitik im Euro-Raum ist bereits jetzt restriktiv“, begründete Fels. Die EZB solle auf „neutral“ schalten und sehen, was weiter passiert.

Die Mehrheit empfahl dagegen, die Zinsen vorerst unverändert zu lassen. Die Notenbank solle aber signalisieren, dass sie bereit stehE, wenn nötig die Leitzinsen zu senken. „Sie sollte abwarten, ob die Konjunktur-Indikatoren die Sorgen vor einem Abschwung bestätigen und erst dann handeln“, so RBS-Ökonom Cailloux.

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