EZB-Schattenrat verabschiedet Empfehlung mit knapper Mehrheit
Experten fordern Zinssenkung

Unter führenden Geldpolitik-Experten im Euro-Raum wird der Ruf nach einer Leitzinssenkung durch die Europäische Zentralbank (EZB) am nächsten Donnerstag immer lauter.

HB FRANKFURT. „Der Konjunkturaufschwung, der vorher schon auf schwachen Füßen stand, wird durch die Terroranschläge von Madrid zusätzlich gefährdet. Dies dürfte das Verbrauchervertrauen zusätzlich belasten", begründete der Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank, Martin Hüfner, sein Plädoyer für eine Zinssenkung. Bislang hatte Hüfner diesen Schritt abgelehnt. Inflationsrisiken, die einer Zinssenkung entgegenstehen könnten, seien nicht zu erkennen.

„Die konjunkturellen Risiken aus den Terroranschlägen können leicht bewältigt werden, wenn die Zentralbank richtig reagiert", sagte auch der Genfer Wirtschaftsprofessor Charles Wyplosz. Paul De Grauwe drängt ebenfalls auf eine Zinssenkung: „Die Wirtschaft des Euro-Raums lahmt, weil es an Vertrauen mangelt", argumentiert der renommierte Wissenschaftler, der an der belgischen Universität Leuven lehrt. Deshalb sei ein Schub von der Geldpolitik nötig.

David Walton, Europa-Chefvolkswirt von Goldman Sachs, vertritt dagegen die Ansicht, die EZB solle nur dann handeln, wenn die harten Wirtschaftsdaten tatsächlich ein Stocken des Aufschwungs anzeigten. Auch Thomas Mayer, Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank ist skeptisch. „In der Vergangenheit haben die Ökonomen die konjunkturellen Auswirkungen von Terroranschlägen regelmäßig überschätzt", argumentiert Mayer.

Der Bonner Wirtschaftsprofessor Jürgen von Hagen ist strikt gegen eine Zinssenkung. „Das wäre eine Wiederholung der verfehlten Zinssenkung von April 1999, die später nur die Inflation angeheizt hat", so von Hagen.

Die befragten Ökonomen sind Mitglieder im EZB-Schattenrat. Das Gremium, dem 18 führende Ökonomen aus Banken, Hochschulen und Forschungsinstituten angehören, trat im November 2002 auf Initiative von Handelsblatt und Wall Street Journal Europa erstmals zusammen. Der Schattenrat verabschiedete am Donnerstag mit knapper Mehrheit von zehn zu acht eine Empfehlung an die EZB, die Leitzinsen am 1. April unverändert zu lassen.

Die Mitglieder des Gremiums sind: Julian Callow, Europa-Chefvolkswirt, Barclays Capital; London Paul De Grauwe, Wirtschaftsprofessor, Kath. Univ. Leuven Joachim Fels, Europa-Chefvolkswirt, Morgan Stanley, London Francesco Giavazzi, Wirtschaftsprofessor, Bocconi-Univ., Mailand Daniel Gros, Director, Centre for European Policy Studies (CEPS), Brüssel Juan Jimeno, Fedea Institut and Univ. Madrid Michael Heise, Chefvolkswirt, Dresdner Bank/Allianz, Frankfurt Martin Hüfner, Chefvolkswirt, Hypo-Vereinsbank, München John Llewellyn, Chefvolkswirt , Lehman Brothers, London Patrick Mange, Leiter Research und Strategy, BNP Paribas Asset Mgmt., Paris Thomas Mayer, Europa-Chefvolkswirt, Deutsche Bank, London Gernot Nerb, Leiter der Umfrageabteilung, Ifo-Institut, München Thorsten Polleit, ECB Observer und Barclays Capital, Frankfurt Marko Skreb, Zentralbankberater, Zagreb Angel Ubide, Leiter Europa-Research, Tudor Corp., Wash. DC Jürgen von Hagen, EMU Monitor and Univ. Bonn David Walton, Europa-Chefvolkswirt, Goldman Sachs, London Charles Wyplosz, Wirtschaftsprofessor, Graduate Inst. of International Studies, Genf

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