EZB-Sitzung: Schattenrat drängt Draghi zu Zinssenkung

EZB-Sitzung
Schattenrat drängt Draghi zu Zinssenkung

Führende Ökonomen fordern die EZB vor ihrer Sitzung am Donnerstag zu entschlossenem Handeln auf. Ihre Angst vor einer Rezession in der Eurozone ist größer als die vor Inflation.
  • 3

FrankfurtUm die Währungsunion aus der Rezession zu holen und die Schuldenkrise zu entschärfen, sollte die Europäische Zentralbank (EZB) umgehend ihren Leitzins weiter senken und radikalere Maßnahmen zusätzlich ins Auge fassen. Das ist die vorherrschende Einschätzung der Ökonomen im Expertengremium EZB-Schattenrat. Während die EZB, die sich heute zu ihrer nächsten Zinssitzung trifft, in ihrer Prognose von Dezember noch von einem Wachstum von 0,3 Prozent in diesem Jahr ausging, rechnen die Schattenräte im Durchschnitt mit einem leichten Rückgang der Wirtschaftsleistung des Euro-Raums. Deutschland und seine Nachbarländer dürften zwar den vorherrschenden Prognosen zufolge noch wachsen, die Krisenländer Spanien, Portugal, Italien und Griechenland müssen dagegen mit einer tiefen Rezession rechnen.

„Die EZB sollte ihren Leitzins weiter senken, denn dadurch reduzieren sich auch die Zinsen, die kleine und mittlere Unternehmen bezahlen müssen“, forderte deshalb Jean-Michel Six, Europa-Chefvolkswirt der Ratingagentur Standard & Poor’s. Das ist auch die Empfehlung der großen Mehrheit der 15 Schattenratsmitglieder an die EZB. Von diesen votierten elf für eine sofortige weitere Zinssenkung. Vier Mitglieder plädierten dafür, den Leitzins bei einem Prozent zu belassen, teils weil sie erst einmal die Wirkung der bisher beschlossenen Maßnahmen abwarten wollen, teils weil sie die Zinspolitik derzeit für nebensächlich halten.

„De facto haben wir bereits fast Nullzinsen“, stellt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, fest. Er verweist auf die Tagesgeldsätze unter Banken, die wegen der reichlichen Liquiditätsversorgung durch die EZB nur noch bei einem viertel Prozent liegen. Banken, die sich bei der EZB refinanzieren, sei es, weil sie von anderen Banken kein Geld bekommen, oder weil sie jüngst das Angebot eines Dreijahreskredits von der EZB in Anspruch genommen haben, müssen aber den Leitzins von einem Prozent entrichten.

Dass die EZB der Empfehlung der Volkswirte schon am Donnerstag nachkommt, ist unwahrscheinlich, weil es im EZB-Rat schon über die letzte Zinssenkung im Dezember heftige Diskussionen gab. Auch hat die EZB bisher ihren Leitzins noch nie unter ein Prozent gesenkt.

Allzu viel Hoffnung, dass eine Zinssenkung reichen wird, die Krise zu bewältigen, haben die Experten im EZB-Schattenrat ohnehin nicht. „Im März wird die EZB ernsthaft über quantitative Lockerung nachdenken müssen“, prognostiziert Elga Bartsch, Europa-Chefvolkswirtin von Morgan Stanley; eine Einschätzung, die viele im Schattenrat teilen. Damit meint Bartsch, dass die EZB mehr Geld in Umlauf bringt, indem sie in großem Stil Wertpapiere ankauft. Die meisten Befürworter dieser Strategie im Schattenrat drängen auf den Kauf von Wertpapieren des privaten Sektors, nicht von Staatsanleihen, weil sie fürchten, dass die Regierungen sonst mit ihren Bemühungen zur Krisenbewältigung nachlassen.

Manuel Balmaseda, Chefvolkswirt des Baustoffkonzerns Cemex, war mit seiner Einschätzung in der Minderheit, dass „die Anreizwirkungen auf die Regierungen nicht wichtig sind, weil auch Renditen von fünf Prozent auf Staatsanleihen auf Dauer noch sehr wehtun“.

Richard Werner, Professor für Bankwesen in Southampton, warnt, dass quantitative Lockerung wenig bewirken werde, wenn nicht dafür gesorgt wird, dass die Banken mehr Kredit vergeben. Er tritt dafür ein, dass die Regierungen sich über Bankkredite statt Anleihen finanzieren. So würden die überschüssigen Reserven der Banken bei der EZB in zusätzliche Kredite transformiert und gleichzeitig die Staatsschuldenkrise entschärft.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " EZB-Sitzung: Schattenrat drängt Draghi zu Zinssenkung"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Kann mir jemand erklären, was diese weitere Zinssenkung soll? Seit der Lehmann Brothers Pleite sind für uns Bürger unvorstellbare Geldmengen weltweit im Umlauf. Werden oft auch seither zum Zocken benutzt und unsere Sparpfennige erbringen immer weniger.
    Obwohl die Transaktionssteuer nur 0,1%, bzw. 0,01% betragen soll, jammern alle Profitöre, Lobbyisten und manches Parteimitglied - jedweder Couleur - vom Zusammenbruch der Börsen in den Ländern, in denen sie angewandt werden soll. Fluchtburg London. Ist dies nicht alles reiner Mumpitz?
    Dem Bürger werden aber hohe Steuern abgerungen und dafürgibt es keine Lobbys. Die Regierung kann sich nicht einmal zum Abbau der Kalten Progression, überhöhte KFZ-Steuern bei Benzin und Diesel, geschweige zu einer grundsätzlichen Steuerreform bis hin zu den aberwitzigen MwSt-Sätzen durchringen.
    Wir Bürger können ja nicht nach London abwandern.

  • VIELLEICHT HATTEN DIE ZENTRALBANK-GROßVÄTER RECHT,
    INDEM SIE DIE UNABHÄNGIGKEIT UND HANDLUNGSFREIHEIT
    BESCHWOREN.
    Und vielleicht wußten bereits diese, daß zum gegenwärtigen Zeitpunkt Effekte einer Zinssenkung versagen? Vielleicht weiß Herr Draghi das auch?
    UND IST DER RUF ERST RUINIERT, SO LEBT ES SICH GANZ UNGENIERT!

  • aus den Erfahrungen in den USA sollte man doch gelernt haben, dass zu niedrige Zinsen nur zur Blasenbildung an Aktien- oder Immobilenmärkten führen. Die Wirtschaft schmiert dadurch etwas später, dafür aber umso kräftiger ab.
    Der negative Effekt, nämlich eine höhere Inflation, stellt sich hingegen recht schnell ein, wie man ebenfalls in USA und GB sieht.
    Da dies aber letztlich zum "Schuldenabbau" gewünscht wird, werden die Zinsen wohl gesenkt werden - zu Lasten der Sparer, Rentner, und der kleinen Leute, um die man sich ja angeblich immer so kümmert.
    Der Dax wird heute abend wohl 2% im Plus stehen.
    Wetten !!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%