EZB unter Handlungsdruck
Experten warnen vor Zinserhöhung

Mit Zweidrittelmehrheit empfiehlt der EZB-Schattenrat der Europäischen Zentralbank (EZB), am Donnerstag ihren Leitzins bei 2,75 Prozent unverändert zu lassen.

FRANKFURT. Die meisten Mitglieder der 18 europäischen Volkswirte aus Banken, Versicherungen und Hochschulen sind der Ansicht, die Notenbank solle bei ihrem bisherigen Kurs bleiben und die Leitzinsen pro Quartal nur um einen viertel Prozentpunkt anheben. „Solange die Löhne so langsam steigen wie bisher, gibt es keinen Grund für übertriebene Inflationsfurcht“, sagte Angel Ubide vom Hedge-Fonds Tudor Investment. Das erlaube der EZB eine betont langsame Normalisierung des mehrheitlich als immer noch sehr niedrig eingestuften Zinsniveaus.

Den Vorteil eines solchen Vorgehens sieht die Mehrheit im Schattenrat vor allem darin, dass es der EZB erlaube, je nach Datenlage auf die erwartete Abschwächung der US-Konjunktur zu reagieren. Außerdem vermeide sie dadurch eine zusätzliche Verunsicherung der derzeit volatilen Finanzmärkte und eine zu starke Euro-Aufwertung.

In den vergangenen Tagen haben gleich mehrere Mitglieder des geldpolitischen Rats der EZB die Spekulation über eine Verschärfung des geldpolitischen Straffungskurses angeheizt. Sie sprachen von der Möglichkeit, dass die EZB den Leitzins durchaus auch um einen halben statt einen viertel Punkt anheben oder Anfang August eine weitere Zinserhöhung beschließen könnte.

Zuletzt hatte die EZB ihren Leitzins Anfang Juni von 2,5 auf 2,75 Prozent angehoben. Finanzmarktteilnehmer rechnen ausweislich der Kurse von Zinsterminkontrakten mit einer etwa 60-prozentigen Wahrscheinlichkeit damit, dass die EZB bereits wieder am 3. August ihren Leitzins anhebt. Das wäre ungewöhnlich, weil dann urlaubsbedingt nur eine Telefonkonferenz des EZB-Rats ohne Pressekonferenz angesetzt ist. Zwar rechnen die meisten Analysten am Donnerstag nicht mit einer Zinserhöhung, doch achten sie mit Spannung darauf, welche Hinweise auf die künftige Zinspolitik EZB-Präsident Jean-Claude Trichet in der anschließenden Pressekonferenz geben wird.

Viele Marktteilnehmer und auch eine größere Minderheit der Experten im EZB-Schattenrat sehen die EZB unter großem Handlungsdruck, weil die Inflationsrate mit zuletzt 2,5 Prozent einen halben Punkt über der von der EZB gesetzten Obergrenze liegt und diese nach vielen Prognosen auch im nächsten Jahr nicht unterschreiten wird. Außerdem waren die Konjunkturdaten der vergangenen Monate überwiegend gut bis sehr gut, so dass das niedrige Zinsniveau weithin als nicht zur Wirtschaftslage passend eingeschätzt wird.

Der renommierte Mailänder Ökonomieprofessor Francesco Giavazzi, der bisher im EZB-Schattenrat noch keine Zinserhöhung guthieß, schwenkte wegen der guten Konjunkturdaten in das Lager der Befürworter einer Zinserhöhung um. Für Giavazzi ist ein bewusst langsames Tempo der Zinsanpassung Zaghaftigkeit, nicht Vorsicht. „Wenn der EZB-Rat überzeugt ist, dass der Leitzins mindestens einen halben Punkt steigen muss, dann sollte er ihn gleich um einen halben Punkt erhöhen“, sagte Giavazzi. „Wahrscheinlich ist die Unsicherheit über die US-Wirtschaft Ende August auch nicht geringer als heute“, fügte Daniel Gros, Direktor des Brüsseler Forschungsinstituts CEPS hinzu.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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