Fachleute: Posten des EZB-Chefvolkswirts soll neu besetzt werden
EZB ringt um Machtbalance

Führende Ökonomen sorgen sich um die Qualität der europäischen Geldpolitik, wenn Chefvolkswirt Otmar Issing Ende Mai aus dem Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) ausscheidet. Die Aufgabenverteilung im Direktorium wird im Juni formal neu geregelt. Wie die Notenbank die Vorbereitung ihrer zinspolitischen Beschlüsse in der Zeit nach Issing organisieren sollte, ist unter den Fachleuten umstritten.

FRANKFURT. Die Mehrheit plädiert dafür, einen Nachfolger für den scheidenden EZB-Chefvolkswirt zu benennen. „Das derzeitige Modell der EZB ist angemessen und sollte fortgeführt werden; man braucht einen Chefvolkswirt im Direktorium“, sagt Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianzgruppe, dem Handelsblatt. Andere Volkswirte raten zu prüfen, ob Verbesserungen möglich sind, indem Elemente anderer Notenbanken übernommen werden.

Seit dem Start der EZB vor acht Jahren leitet Issing die Generaldirektionen Volkswirtschaft und Forschung. Damit liegt die gesamte Vorbereitung der geldpolitischen Sitzungen des EZB-Rates in seinen Händen. Und am Tag der Sitzung ist es Issing, der den Rat auf die künftige Zinspolitik einstimmt.

Die Machtkonzentration beim Chefvolkswirt hat EZB-Chef Jean-Claude Trichet von Anfang gestört. Dem Vernehmen nach will er Issings Reich zerschlagen. Hätte ihm Deutschland den geborenen Chefvolkswirt als Issing-Nachfolger präsentiert, wäre Trichet in Erklärungsnot geraten. Nachdem aber der deutsche Kandidat für das EZB-Direktorium, Bundesbankvize Jürgen Stark, nicht dem Profil eines Chefvolkswirts entspricht, hat Trichet alle Optionen – von der Etablierung eines neuen Chefvolkswirts bis zu der Möglichkeit, die geldpolitischen Sitzungen selbst vorzubereiten.

Heise bezweifelt, „dass es Trichets Rolle stärken würde, wenn er in dem supranationalen Kontext des Euro-Raums die Vorbereitung der geldpolitischen Sitzungen an sich ziehen würde“. Es sei nicht die Aufgabe des Präsidenten, die ökonomische Diskussion zu prägen, sondern die Stimmen im Rat zusammenzufassen und eine einvernehmliche Lösung herbeizuführen. „Es nützt ihm doch, wenn er jemanden hat, der die Stabilitätslinie vertritt, auf die er sich zurückziehen kann“, sagt Heise.

Nach Ansicht von Joachim Fels, Chefvolkswirt Europa bei Morgan Stanley, wäre die Vorbereitung der geldpolitischen Entscheidungen für Trichet schon vom Arbeitsaufwand her nicht zu schaffen. Durch die politische Vielfalt in der Währungsunion seien die Kommunikationsanforderungen an den EZB-Präsidenten wesentlich größer als an den Chairman der US-Notenbank Fed. Auf die volkswirtschaftliche Abteilung müsse sich jemand voll konzentrieren. Denn diese sei für die Qualität der geldpolitischen Entscheidungen von ganz immenser Bedeutung.

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