Finanzexperte zum ESM
"Man darf sich nicht in die Tasche lügen"

Lüder Gerken vom Centrum für Europäische Politik erklärt im Handelsblatt-Interview, welche Erkenntnisse ein neuer Index zur Bewertung der Bonität von Staaten bringt.
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Am Montag kommt die Euro-Gruppe der Finanzminister zusammen, um über die aktuellen Baustellen zu beraten: ein zweites Rettungspaket für Griechenland und eine Zuspitzung in Portugal. Aber ist wirklich allein die Peripherie betroffen? Nein, zeigt ein neuer, umfassender Index, der die gesamtwirtschaftliche Finanzlage der Euro-Länder abbildet. Der Vorstandschef des Centrums für Europäische Politik, Lüder Gerken, erklärt im Handelsblatt-Interview, für welche Länder die Alarmglocken läuten.

Was ist das Neue am CEP-Default-Index? Was sagt er, was andere Daten nicht ausdrücken können?

Lüder Gerken: Der CEP-Default-Index betrachtet nicht nur die Entwicklung der Staatshaushalte, sondern die Volkswirtschaften insgesamt. Und er beschränkt sich konsequent auf die beiden entscheidenden Faktoren: Indem er den Bedarf an Nettokapitalimporten in das Verhältnis zu den Investitionen setzt, gibt er Auskunft darüber, ob ein Land in der Lage ist, seine Schulden zu bedienen. Verschuldung an sich muss nicht problematisch sein, wenn das Geld investiert wird. Werden aber im Ausland aufgenommene Kredite zur Deckung des Konsums herangezogen, also verfrühstückt, dann haben wir ein großes Problem.

Welches Ergebnis hat Sie am meisten überrascht?

Die dramatische Schwäche von Italien und die bedenkliche Verschlechterung von Frankreich. Beide Länder konsumieren mehr, als sie im Inland erwirtschaften, verbrennen also einen Teil ihrer Nettokapitalimporte. Das heißt, in beiden Ländern nimmt die Fähigkeit ab, Kredite zurückzahlen zu können. In Italien ist diese Entwicklung bereits 2009 eingetreten, in Frankreich 2010. Mehr noch: Für beide Länder weist der CEP-Default-Index über viele Jahre einen fallenden Verlauf auf, so dass wir davon ausgehen müssen, dass ihre Solvenzfähigkeit schon seit Jahren erodiert.

Was bedeutet es, dass drei der vier größten Euroländer – nämlich Frankreich, Italien und Spanien – allesamt in der zweitschlechtesten von vier Kategorien liegen?

Das heißt, dass die Erosion der Kreditfähigkeit in Kerneuropa angekommen ist, bei den Gründerstaaten der EWG. Wenn sich in Italien nicht schnell etwas tut, gleitet das Land bereits 2011 in die unterste Risikokategorie ab, in der sich Griechenland, Portugal, Zypern und Malta befinden.

Was müssen diese Länder tun, um wieder voll kreditwürdig zu sein?

Noch sind sie ja kreditwürdig. Doch ihre Solvenzbasis zerbröselt. Diese Länder müssen dringend Strukturreformen einleiten, die sie wieder wettbewerbsfähig machen. Das heißt: In allen drei Ländern, auch Frankreich, besteht dringendster Reformbedarf.

Was bedeuten die Ergebnisse für die Eurokrise, sind die Rettungspakete und der ESM die richtige Lösung?

Man darf sich nicht in die Tasche lügen. Es gibt nur drei Auswege. Erstens die drastische und sofortige Reduktion der Lohnstückkosten in den betroffenen Staaten; das erscheint mir politisch nicht durchsetzbar. Zweitens der Austritt aus der Eurozone und die Wiedereinführung einer nationalen Währung bei gleichzeitiger Abwertung; das wird von der Politik kategorisch ausgeschlossen. Drittens die dauerhafte Alimentierung durch einen Staatenfinanzausgleich zwischen den Euro-Staaten. Die Rettungspakete und den ESM kann man als Vorstufe für einen solchen Staatenfinanzausgleich sehen.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom

Kommentare zu " Finanzexperte zum ESM: "Man darf sich nicht in die Tasche lügen""

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  • Das was usnre kriminellen Politiker vorhaben, ist nichts weiter als ein 2. Versaille und zwar für alle Ewigkeit.
    Und der gänzlich unpolitische und dumme Deutsche weiß das alles nicht und schweigt.
    Unsere kriminellen Politiker wissen das

  • "Drittens die dauerhafte Alimentierung durch einen Staatenfinanzausgleich zwischen den Euro-Staaten."
    Wieso meint Gerken, dass die dritte Variante (auf Dauer) politisch durchsetzbar sei?
    Warum sollen deutsche Steuerzahler für PIIGS zahlen? Keiner wollte den Euro oder die EU, in ihrer jetzigen Form.
    Warum soll man "Solidarität" einfordern, obwohl die Schuldenländer nicht von einer Naturkatastrophe sondern von Misswirtschaft heimgesucht wurden?
    Bei dieser Variante wird die Ökonomie (Schwächung der solventen Länder bis zum Totalkollaps) die Wünsche der Eurokraten einholen. Vorher wird der Lebensstandard heruntergeschraubt, Steuerzahler enteignet und den kommenden Generationen ein Schuldenberg hinterlassen.
    Dies alles wegen dem Euro. Nie hätten sich die PIIGS ohne Euro so verschulden können. Ein Default wäre ein lokales Ereignis. Der Euro ist eine Tragödie für ganz Europa. D wird bis zum Umfallen gemolken. Nach und nach werden die Bürger an Transferunion gewöhnt, genauso hirngewaschen wie Argumente "Export" und "Frieden". Hier stellt sich die Frage, ob der Euro nicht von den Eurokraten benutzt wird, um die EUdSSR, die Vereinigten Staaten von Europa zu schaffen - Staatsstreich auf europäisch.

  • Man darf sich nicht in die Tasche lügen.

    Es gibt nur drei Auswege.

    Erstens
    die drastische und sofortige Reduktion der Lohnstückkosten in den betroffenen Staaten;
    das erscheint mir politisch nicht durchsetzbar.


    Zweitens
    der Austritt aus der Eurozone und die Wiedereinführun g einer nationalen Währung bei gleichzeitiger Abwertung;
    das wird von der Politik kategorisch ausgeschlossen.

    Drittens
    die dauerhafte Alimentierung durch einen Staatenfinanzau sgleich zwischen den Euro-Staaten.

    Die Rettungspakete und den ESM kann man als Vorstufe für einen solchen Staatenfinanzau sgleich sehen.

    .....................................................

    An Punkt 3. arbeiten alle deutschen und ausländischen Politiker.

    Nur mit Punkt 3. sind ewige Reparationszahl ungen Deutschlands an die ehemaligen Weltkriegsgegne r gesichert

    Und weil zur Zeit die CDU/CSU/FDP am Ruder ist, führt Merkel, Schäuble und Schwesterwelle das aus,
    was die Alliierten vorschreiben.

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