Finanzkrise
Europas Notenbanker gehen auf Tauchstation

Wegducken und abwarten, hieß gestern die Devise der Notenbanker im Euro-Raum, während an den Finanzmärkten die Furcht umging, dass nach Bear Stearns weitere Finanzinstitute in Liquiditätsnöte kommen könnten. Doch sollte sich die Finanzkrise auf die Wirtschaft durchwirken, wird auch die Europäische Zentralbank über eine Zinssenkung nachdenken müssen.

FRANKFURT. Die US-Notenbank hatte am Wochenende eine Rettungsaktion für die fünftgrößte Investmentbank der Wall Street eingefädelt und ihren Diskontsatz gesenkt. Bundesbankpräsident Axel Weber sagte kurzfristig seine für Montag vorgesehene Teilnahme auf einer Veranstaltung in Toronto "aus familiären Gründen" ab, sein französischer Kollege Christian Noyer "aus gesundheitlichen Gründen". Einzig der österreichische Notenbankchef Klaus Liebscher konnte sich nicht rechtzeitig wegducken und musste auf einer Pressekonferenz in Wien Rede und Antwort stehen. Liebscher betonte die Notwendigkeit, die Inflationserwartungen niedrig zu halten, und machte damit deutlich, dass die EZB nicht an eine Zinssenkung denkt.

Die Akteure an den Finanzmärkten nehmen der EZB diese Versicherung ab, gehen aber fest davon aus, dass die Notenbank in wenigen Monaten ihre Haltung wird ändern müssen, wenn sich zeigt, dass die Finanzkrise auf die Wirtschaft durchwirkt. Gegen Jahresmitte wird es den vorherrschenden Erwartungen zufolge eine erste Zinssenkung geben. Bis Dezember haben die Märkte eine Leitzins auf 3,25 Prozent von derzeit vier Prozent vorweg genommen.

Während es bei den großen Banken im Euro-Raum anders als in den USA und Großbritannien keine akuten Liquiditätsnöte gab - abzulesen am wenig veränderten Sätzen für Tagesgeld - wurde etwas längerfristige Liquidität zusehends knapp. Der Dreimonats-Euribor, also der Satz, zu dem sich Banken untereinander Zentralbankguthaben mit einer Laufzeit von drei Monaten ausleihen, stieg erneut um drei Hundertstel Prozentpunkte auf 4,65 Prozent. Der Aufschlag gegenüber dem Leitzins erreichte damit den höchsten Wert in diesem Jahr.

"Solange der EZB-Rat große Inflationsrisiken sieht, wird er sich auf Maßnahmen zur Liquiditätssicherung beschränken, und nicht die Zinsen senken", kommentierte Julian Callow, Europa Chefvolkswirt von Barclays Capital. Er rechnet allerdings damit, dass der Rat mittelfristig die Konjunkturrisiken stärker und die Inflationsrisiken weniger stark betonen wird.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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