Finanzkrise gewinnt an Dramatik
„Fed verschießt vorschnell ihre Pfeile“

Die Krise an den weltweiten Finanzmärkten hat einen neuen Höhepunkt erreicht. JP Morgan Chase übernimmt für einen Spottpreis Konkurrentin Bear Stearns. Praktisch zeitgleich dreht die US-Notenbank Fed den Geldhahn weiter auf. Analysten rechnen mit einer saftigen Zinssenkung am Dienstag – und sehen gleichzeitig die Macht der Währungshüter dahinschwinden.

HB NEW YORK. An den Börsen herrscht weltweit Panikstimmung. Der deutsche Leitindex Dax stürtze um mehr als vier Prozent auf 6 196 Punkte und markierte damit ein neues Jahrestief. Der Tokioter Nikkei-Index verlor 3,7 Prozent auf 11 787 Punkte. Der Euro schnellte auf knapp 1,58 Dollar nach oben.

Auch der Dollar befand sich wegen der Sorgen vor einer Rezession in den USA im freien Fall, was zu Spekulationen über eine Intervention der Notenbanken führte. Anleger flüchteten in weniger riskante Investments. Die Preise für Gold und Öl strebten neuen Höchstständen entgegen.

Zuvor hatte die US-Notenbank den Diskontsatz, zu dem sich Geschäftsbanken kurzfristig Kredite besorgen können, um 25 Basispunkte auf 3,25 Prozent gesenkt. Zudem kündigte sie ein Sonderkreditprogramm an, um großen Finanzfirmen zusätzliches Kapital zur Verfügung zu stellen.

Die sofort wirksame Diskontsatz-Senkung begründete die Fed damit, dass liquide, gut funktionierende Märkte wesentlich seien, um das Wirtschaftswachstum zu fördern. Zuletzt hatte sie den Diskontsatz Ende Januar auf 3,5 Prozent gesenkt. Zu diesem Satz können sich Banken bei der Fed über Nacht Geld besorgen.

Mit ihrem Sonderkreditprogramm greift die Fed zusätzlich den sogenannten Primärhändlern unter die Arme - insgesamt 20 großen Wall-Street-Firmen wie Bear Stearns, die an den Finanzmärkten direkt mit der Zentralbank handeln. Sie sollen für mindestens sechs Monate ebenfalls zum Diskontsatz von der Fed Geld bekommen können.

Die Beschlüsse sollten den Finanzinstitutionen mehr Sicherheit geben, an Geld zu kommen, sagte US-Notenbankchef Ben Bernanke. Erst vor wenigen Tagen hatte die Fed in einer gemeinsamen Aktion mit anderen Zentralbanken angekündigt, mehr als 200 Milliarden Dollar bereitzustellen, um einen Liquiditätsengpass an den Kapitalmärkten zu verhindern.

Für Dienstag wird nun erwartet, dass die Fed eine kräftige Senkung ihres Leitzinses beschließt. Einige Beobachter erwarten eine weitere Senkung auf 2,5 oder gar auf 2,0 Prozent.

Commerzbank-Analysten erklärten, nach zwei ähnlichen Maßnahmen am 7. und 11. März unterstreiche der Beschluss der Fed „die andauernde Sorge der Notenbank um den Zustand des Finanzsystems“. Die Commerzbank rechne nun für die Sitzung der Notenbank in dieser Woche mit einer Rücknahme der „Federal Funds Rate“ um 75 Basispunkte auf 2,25 Prozent. „Angesichts der aktuellen Entwicklung ist dies wohl eher als Untergrenze anzusehen.“

„Die Fed verschießt vorschnell viele ihrer Pfeile. Wir haben aber kein Preisproblem, sondern ein strukturelles Problem“, kritisierte Chefstratege der Bremer Landesbank, Folker Hellmeyer, die Fed-Aktion. „Die Krise verschärft sich weiter. Die abgeklärte Kühlheit, die Finanzintermediären sehr gut zu Gesicht steht, ist heute nicht anzutreffen“, so Hellmeyer weiter. Händlern zufolge herrschte nach dem Verkauf von Bear Stearns an JPMorgan Chase immenser Verkaufsdruck, vor allem bei Finanzwerten. Mit 236 Millionen Dollar liegt der Übernahmepreis weit unter dem Börsenwert von Bear Stearns zum Ende der vergangenen Woche.

„Zu viel Pessimismus im Markt“

Der Bankenexperte Wolfgang Gerke sagte der „Berliner Zeitung“, die Gefahr sei groß, dass die Krise außer Kontrolle gerate. Die US-Notenbank habe in der zurückliegenden Zeit panikartig reagiert, in dem sie die Zinsen stark zurückgenommen und viel zu viel Liquidität in den Markt gepumpt habe. Die Wahrscheinlichkeit einer Stagflation - also einer stagnierenden Wirtschaft bei stark steigenden Preisen - werde immer größer, sagte Gerke. „Die Fed hätte ihr Pulver trocken halten müssen. Was soll sie denn jetzt noch tun, wenn die Krise weitergeht?“, fragte er. Aktienstratege Tobias Basse von der NordLB ergänzte: „Die Frage ist: Hat die Fed überhaupt noch das richtige Instrumentarium?“

Die Finanzexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, Dorothea Schäfer, sagte dem Blatt dazu: „Weder die Notenbanken, noch die Politik haben derzeit die Macht, die Finanzkrise zu beenden. Es ist einfach zu viel Pessimismus im Markt.“

Auslöser der Kreditkrise war im Herbst vergangenen Jahres der Beginn der Immobilienkrise in den USA, da zahllose Wohnungsbaukredite nicht mehr bedient werden konnten. Dadurch erlitten die Banken nicht nur in den USA Verluste von mehreren Milliarden Dollar.

Viele Experten sehen die US-Konjunktur längst in der Rezession oder zumindest kurz davor. Alle Aktionen der Zentralbank, konstatiert der Ökonom Paul Krugman in der "New York Times", "werden wahrscheinlich nicht genug sein, um die Abwärtsspirale der Wirtschaft aufzuhalten".

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