Finanzkrise
Krisenallianz: Notenbanken senken Zinsen

In einer konzertierten Aktion haben wichtige Notenbanken weltweit am Mittwoch die Leitzinsen gesenkt. Dies teilten die Federal Reserve in Washington und die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt mit. Die EZB reduzierte ihren Leitzins um 0,50 Prozentpunkte auf 3,75 Prozent. Die deutsche Wirtschaft reagierte erfreut auf den überraschenden Schritt.

FRANKFURT/WASHINGTON. Mit der Aktion senkten neben der EZB auch die Bank von England (BoE), die US-Notenbank Fed, die Bank of Canada (BoC), die Schweizerische Nationalbank (SNB) und die schwedische Riksbank die Leitzinsen um jeweils 50 Basispunkte. Die US-Notenbank reduzierte damit den Leitzins auf 1,5 Prozent, die britische Zentralbank auf 4,5 Prozent.

Die jüngste Zuspitzung der Finanzmarktkrise habe die Abwärtsrisiken für das Wachstum erhöht und die Aufwärtsrisiken für die Inflation gedämpft, teilten die wichtigsten Notenbanken der Welt in einer gemeinsamen Mitteilung mit. Der Inflationsdruck habe in einer Reihe von Länder auch wegen gesunkener Energie und Rohstoffpreise nachgelassen. Die Inflationserwartungen gingen zurück.

Niedrigere Zinsen verbilligen Kredite für Unternehmen und Verbraucher und können somit die Wirtschaft ankurbeln. Eine konzertierte Zinssenkung ist eine außergewöhnliche Aktion, zu der die Notenbanken nur bei besonders großen Krisen greifen. Zuletzt gab es eine gemeinsame Leitzinssenkung nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht in der Leitzinssenkung von sechs führenden Notenbanken eine „vertrauensbildende Maßnahme“ in der internationalen Finanzkrise. Die Maßnahme sei hilfreich, sagte Merkel in Berlin. Bundesbankpräsident Axel Weber argumentierte in einer Mitteilung: „Es galt entschlossen zu handeln angesichts der jüngsten Zuspitzung der Turbulenzen an den Finanzmärkten“. Die Zentralbanken hätten damit ein klares Signal gesendet, dass sie alles tun würden, um eine weitere Verschärfung der Finanzkrise zu verhindern. Weber forderte alle Markteilnehmer zu einem Besonnenen und verantwortungsvollen Handeln auf.

Nach der überraschenden Zinssenkung mehrerer Zentralbanken grenzte der Dax seine Verluste deutlich ein. Der Dax lag am Mittag nur noch rund ein Prozent im Minus bei 5295 Punkten, nachdem er zuvor wegen zunehmender Rezessionsängste der Anleger um bis zu 8,6 Prozent eingebrochen war. Der Euro verteuerte sich auf 1,3675 Dollar. Der Bund-Future rutschte dagegen ins Minus und verlor 28 Ticks auf 116,78 Zähler.

Nur einen Tag nach dem überraschend deutlichen Schritt der australischen Notenbank kündigte am Mittwoch auch die Währungsbehörde des asiatischen Finanzzentrums Hongkong eine Lockerung ihrer Geldpolitik an. Der Leitzins werde von Donnerstag an um 100 Basispunkte gesenkt, sagte der Chef der Währungsbehörde, Joseph Yam. Die Bank of Japan (BoJ) änderte ihren Leitzins hingegen nicht, sondern erklärte, dieser sei bereits sehr niedrig. Sie sprach der Aktion aber ihre Unterstützung aus.

„Dass die großen Notenbanken zusammenarbeiten, schafft Vertrauen“, sagte der Präsident des Bundesverbandes Groß- und Außenhandel (BGA), Anton Börner, am Mittwoch zu Reuters. Die Zinssenkungen seien ein notwendiger Versuch, um die Finanzkrise in den Griff zu bekommen und den Schaden für die Realwirtschaft so gering wie möglich zu halten.

Ähnlich äußerte sich der Verband der Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA). „Die Zinssenkung hilft den Unternehmen bei den Kreditkonditionen“, sagte VDMA-Konjunkturexperte Olaf Wortmann. Im Maschinenbau gebe es zwar bislang keine Kreditklemme. „Wenn aber Kunden schwieriger Kredite bekommen, wirkt sich das auf die Aufträge aus.“

Positiv reagierten auch die Banken. „Die Notenbanken demonstrieren damit die Bereitschaft, alles Notwendige zu tun, um zu einer Stabilisierung der Märkte beizutragen“, teilte der Bundesverband der Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) mit. Der Schritt sei mit dem Hauptziel der EZB, Preisstabilität zu gewährleisten, vertretbar, da die Inflation zuletzt deutlich zurückgegangen sei. Der Verband der Öffentlichen Banken (VÖB) geht davon aus, dass die niedrigeren Zinsen die Sorgen vor einer Konjunkturabkühlung im Euro-Raum „deutlich mildern werden“.

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hatte nach der jüngsten turnusgemäßen Zinsentscheidung am vergangenen Donnerstag die Tür für eine Zinssenkung geöffnet. Zuletzt hatte die EZB auf ihrer Sitzung am 3. Juli den Leitzins wegen Inflationsgefahren noch um 0,25 Prozentpunkte auf 4,25 Prozent angehoben.

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