Finanzkrise
Märkte hoffen auf sinkende Leitzinsen

Nach dem vorläufigen Scheitern des amerikanischen Rettungspakets für Banken und Finanzmärkte setzen Märkte und Bankanalysten nun ihre Hoffnung auf ein zinspolitisches Eingreifen der Notenbanken. Selbst global konzentrierte Zinssenkungen schon in den nächsten Tagen sind im Gespräch.

FRANKFURT. „Eine koordinierte Senkung der Leitzinsen um einen halben Prozentpunkt oder mehr durch die Federal Reserve, die Bank von England, die Bank von Kanada und die australische Notenbank ist sicherlich in Anbetracht der Schwere der Krise eine Option“, schreibt Brian Bethune von der renommierten US-Wirtschaftsberatungsgesellschaft Global Insight in seiner Analyse der Optionen nach der Ablehnung des Rettungspakets durch das US-Repräsentantenhaus.

Während Global Insight die Europäische Zentralbank (EZB) in der Liste außen vor lässt, sehen die Analysten der Citigroup eine gute Chance, dass die europäischen Notenbanken einschließlich der EZB schon in dieser Woche als Notmaßnahme Zinssenkungen beschließen. „Die Finanzkrise hat sich so zugespitzt, dass es nun sehr wahrscheinlich ist, dass bald Zinssenkungen nötig werden, um die Konjunktur zu stützen“, schreiben die Citigroup-Analysten.

Die Kurse von Zinstermingeschäften zeigen, dass die Marktteilnehmer eine kräftige Zinssenkung der Federal Reserve spätestens auf ihrer nächsten regulären Sitzung am 29. Oktober erwarten. Im Euroraum haben die Märkte eine Zinssenkung im Dezember voll eingepreist, aber auch dass diese schon im November kommen könnte, gilt als nicht unwahrscheinlich.

Schon für die nächste Sitzung am Donnerstag einen EZB-Zinsschritt vorherzusagen, das traut sich kaum ein Volkswirt, weil dies für die bisher stark auf Inflationsgefahren fixierte Notenbank eine scharfe Wende wäre. Die EZB vertritt bisher die Philosophie, dass eine großzügige Liquiditätsversorgung die angemessene Antwort auf die Bankenkrise ist, und trennt dies strikt von der Zinspolitik.

Wie Bethune von Global Insight, sind auch Peter Hooper und Thomas Mayer von der Deutschen Bank skeptisch, ob die EZB bei einer globalen Zinssenkungsaktion dabei wäre. „Die EZB hat bisher der Inflationsbekämpfung Vorrang vor der Bekämpfung der Finanzkrise eingeräumt“, schreiben die beiden Deutschbanker. Ebenso Marco Annunciata, Chefvolkswirt der Unicredit: „Die EZB verliert mit ihrer unnachgiebige Konzentration auf die Inflation immer mehr den Kontakt zur Realität“, kritisierte er und fordert Politik und Notenbank in Europa zu entschiedenerem Handeln auf: „Diese globale Krise verlangt nach einer globalen Antwort, und die Welt braucht sie jetzt.“

Mit ihrem Leitzins von nur noch zwei Prozent hat die Federal Reserve deutlich weniger Spielraum für Zinssenkungen als die meisten übrigen Notenbanken, mit Ausnahme der Bank von Japan. Der Leitzins beeinflusst die Refinanzierungskosten der Banken. Bei der Zentralbank können sie kurzfristige Kredite in der Regel in der Nähe des Leitzinses bekommen, am freien Geldmarkt, soweit dieser überhaupt noch funktioniert, zu Sätzen von ein bis zwei Prozent oberhalb des Leitzinses. Eine Situation wie in Europa, wo die Geldmarktsätze mit über fünf Prozent deutlich über den längerfristigen Kapitalmarktrenditen liegen, ist für die meisten Banken besonders ungünstig, weil sie sich teurer refinanzieren müssen, als sie ausleihen können.

Jacques Cailloux, Europa-Chefvolkswirt der Royal Bank of Scotland, ist überzeugt, dass die EZB mitmachen würde, wenn die Federal Reserve eine koordinierte Zinssenkung initiieren würde, meint aber, dass es noch nicht ganz soweit ist. „Noch setzen die Zentralbanken wohl auf Maßnahmen, die sie für besser geeignet halten, das Vertrauen in das Finanzsystem wiederherzustellen, aber bald könnte eine konzertierte Zinssenkung die einzige verbleibende Option sein“, warnt Cailloux. Er rechnet zwar nicht damit, dass die EZB am Donnerstag schon den Leitzins senkt, geht aber wie viele seiner Kollegen davon aus, dass sie in der Pressekonferenz nach der Sitzung die Konjunkturrisiken betonen und sich damit auf eine baldige Zinssenkung zubewegen wird.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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