Finanzmärkte
Wir brauchen einen Aufpasser

Den IWF halten viele für verzichtbar. Dabei sind ohne ihn die Finanzmärkte nicht zu überwachen, meint Friedrich L. Sell. In einem Gastbeitrag erläutert der Professor für Volkswirtschaftslehre an der Münchener Bundeswehr-Universität, warum die Notenbanken alleine damit überfordert sind.

Wenn es eine wichtige internationale Institution gibt, von der man auf dem Höhepunkt der Finanzmarktkrise wie auch schon zuvor wenig zu vernehmen schien, dann ist es der Internationale Währungsfonds (IWF). Damit tut man ihm aber unrecht: Schon Ende März 2008 hatte der IWF weltweit einen Abschreibungsbedarf der Banken in Höhe von 1 000 Mrd. Dollar prognostiziert. Und vor wenigen Tagen, rechtzeitig vor der Herbsttagung von IWF und Weltbank in der kommenden Woche, haben sich "DSK" (IWF-Managing Director Dominique Strauss-Kahn) und sein erster Stellvertreter, John Lipsky, zu Wort gemeldet.

Ihr Tenor ist vorsichtig optimistisch: Die Weltwirtschaft müsse nicht in eine tiefe Rezession abgleiten, wenn es erstens den Notenbanken weiter gelinge, den Banken ausreichend Liquidität zu moderaten Zinssätzen bereitzustellen, wenn zweitens solvente Finanzinstitutionen die für sie erforderliche Zufuhr an Eigenkapital erführen, ohne dabei verstaatlicht zu werden, und wenn drittens der modifizierte amerikanische Rettungsplan TARP (troubled asset relief program) von beiden Kammern des Kongresses schnell beschlossen und von der US-Regierung zügig umgesetzt werde.

Der gigantische Bail-out-Plan der US-Regierung, den der Kongress mittlerweile angenommen hat, weckt beim IWF keine Begeisterung, aber: "A non-perfect plan is better than no plan at all."

Bevor wir auf den möglichen Beitrag des IWF zur Bewältigung der weltweiten Finanzmarktkrise eingehen, lohnt es sich, zunächst einmal auf die Entwicklung zu blicken, welche diese Institution genommen hat: Wie auch die Weltbank ist der IWF 1944 auf der Konferenz von Bretton Woods ins Leben gerufen worden. Damals wurde er zu einem Eckpfeiler für die Währungsordnung der Nachkriegszeit.

In jenem Gold-Dollar-Standard (bis 1971) waren Paritätsänderungen gegenüber dem US-Dollar nur bei einem "fundamentalen Zahlungsbilanzungleichgewicht" erlaubt. Änderungen von mehr als zehn Prozent waren grundsätzlich durch den IWF zu genehmigen. Mitgliedsländer hatten Einzahlungen von Gold und/oder von Währungsreserven gemäß ihren nationalen Quoten beim IWF zu leisten.

Die Hauptaufgabe des IWF bestand in der Gewährung kurzfristiger Kredite zur Finanzierung von Zahlungsbilanzdefiziten. Das änderte sich auch nach 1973 nicht, als jedes Land die Freiheit erhielt, sein Wechselkursregime nach eigenem Gutdünken zu gestalten. Noch in den 1990er-Jahren, als der IWF im Angesicht der Währungs- und Finanzmarktkrisen in Mexiko (1994), Thailand (1997), Brasilien (1998) und Russland (1999) Rettungspakete schnürte, schien er als internationale Feuerwehr unverzichtbar.

Allerdings warnten schon damals Kritiker, dass die schiere Existenz einer solchen Feuerwehr das Zündeln in den betroffenen Ländern begünstigt habe. Pikant ist im Zusammenhang mit der heutigen Bankenkrise in den USA und in Europa, dass der IWF während der "Thai Flu", der Krise, die ihren Ursprung in einer geplatzten Immobilienblase hatte, die rigorose Schließung der meisten Finanzinstitute anmahnte, die den Boom im Immobiliensektor maßgeblich im Stile amerikanischer Investmentbanken finanziert hatten.

Im neuen Millennium ist zwar nicht alles, aber doch vieles anders geworden: Einerseits hat es seit dem Zusammenbruch des argentinischen Currency-Boards im Jahr 2001 kein einziges Schwellenland mehr gegeben, das auch nur annähernd in die Nähe einer Zahlungsbilanzkrise geraten wäre. Mit dem stetig rückläufigen Anteil "semi-fixer" Wechselkursregime in der Weltwirtschaft hat die Wahrscheinlichkeit spekulativer Attacken gegen überbewertete Währungen deutlich abgenommen.

Es hat den Anschein, als ob die ziemlich erfolgreiche Kommerzialisierung des Zahlungsbilanzausgleichs und die beobachtbaren Verhaltensänderungen wichtiger Player in der Weltwirtschaft den IWF alter Prägung überflüssig machen könnten. Die wohl wichtigsten heutigen Schwellenländer, in Asien sind dies China und Indien, in Lateinamerika Argentinien und Brasilien, haben keinen Bedarf an (neuen) Krediten des IWF.

Wenn sie denn überhaupt schon einmal Schuldner des IWF waren, so haben sie mittlerweile die Tilgung dieser Kredite gegenüber dem IWF abgeschlossen. Sie türmen seit Jahren, allen voran China, Währungsreserven auf und das in einem Ausmaß, das schon lange über die Vorsichtskassenhaltung risikoaverser Notenbanken weit hinausgeht.

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