Finanzpolitik
Die große Mär von der Abkopplung

Als die amerikanische Wirtschaft mit dem Platzen der New-Economy-Blase in die Knie ging, tauchte erstmals die Abkopplungstheorie auf. Wie die EZB nach dem Niedergang in den USA vergebens auf die Schwellenländer hoffte und damit ein zweites Mal den gleichen Denkfehler beging.

FRANKFURT. Erfahrung ist, wenn man merkt, dass man den gleichen Fehler zum zweiten Mal gemacht hat. Als die amerikanische Wirtschaft mit dem Platzen der New-Economy-Blase in die Knie ging, tauchte erstmals die sogenannte Abkopplungstheorie auf. Sie besagte: Europa sei mittlerweile ein so großer Wirtschaftsraum, dass es nicht mehr so stark von Amerika abhänge - sich also von der US-Schwäche abkoppeln könne. Bekanntlich stellte sich schnell heraus, dass die Weltwirtschaft immer noch auf Gedeih und Verderb auf Amerika angewiesen ist.

Doch trotz ihres damaligen Versagens erlebte die Theorie in der Finanzkrise ihre Renaissance. Auch dieses Mal sollte die Weltwirtschaft nicht in den Sog der zunächst amerikanischen Subprime-Krise gezogen werden. Die großen Schwellenländer, insbesondere China und Indien, seien mittlerweile so stark, dass sie die Auswirkungen des Abschwungs in den USA auf Europa weitgehend abfedern könnten. Doch weit gefehlt: Wie sich seit spätestens Mitte des Jahres zeigte, verlieren Indien und China erstaunlich schnell an Dynamik - und belasten damit auch das exportorientierte Europa - insbesondere Deutschland. Der IWF prognostiziert für China, das sich an zweistellige Wachstumsraten gewohnt hatte, im kommenden Jahr nur noch ein Wachstum von fünf Prozent.

Wie schwer es ist, sich die Abhängigkeit von den USA einzugestehen, lässt sich exemplarisch an den Irrtümern der EZB zeigen. Noch vor einem Jahr bestritt der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, vehement, dass sich aus dem letzten Abschwung vor acht Jahren Lehren für die Gegenwart ziehen ließen. Als im Jahr 2000 die New-Economy-Blase am Aktienmarkt geplatzt war, hatte die EZB noch im Oktober den Leitzins erhöht, während die US-Notenbank Federal Reserve schon kurz danach, im Januar 2001, begann, in schnell aufeinander folgenden großen Schritten den Leitzins von 5,25 Prozent bis auf ein Prozent zu senken. Die EZB beharrte trotz dieser Vorlage darauf, dass die Situation in Europa ganz anders sei, und wartete bis Mai mit der ersten Zinssenkung.

Damals hat die EZB geglaubt, Europa stünde besser da als die USA und müsse nicht befürchten, von der dortigen Konjunkturkrise angesteckt zu werden. Diesmal ging die Argumentation so: Die Schwellenländer werden unbeeindruckt von der US-Schwäche kräftig weiter wachsen und dadurch die wegfallende Nachfrage aus den USA weitgehend ersetzen. Das bestärkte sie darin, noch ein Jahr nach Ausbruch der Finanzkrise ihren Leitzins zu erhöhen. "Europas Notenbanker haben lange das Risiko heruntergespielt, dass die Subprime-Krise den europäischen Finanzsektor und die europäische Konjunktur ernsthaft in Mitleidenschaft ziehen könnte", bemängelt Marco Annunziata, Chefvolkswirt der italienischen Großbank Unicredit. In beiden Fällen habe sich diese Einschätzung als fataler Fehler erwiesen.

Damals wie in der jetzigen Phase beruhte der Fehler der EZB darauf, allein Handelsverflechtungen zu betrachten, nicht jedoch die Ansteckung über die Finanzmärkte. Im Februar 2001, als die US-Notenbank bereits mit mehreren großen Zinssenkungen auf den beginnenden Konjunktureinbruch reagiert hatte, schrieb der EZB-Rat in seinem Kommuniqué: "Der Euro-Raum ist eine große Volkswirtschaft, in der Exporte und Importe nur 17 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmachen. Die Konjunktur des Euro-Raums wird daher vor allem von heimischen Faktoren beeinflusst." Bevor die EZB dann doch endlich im Mai die Zinsen senkte, räumte sie lediglich diffus ein, dass es zunehmende "Unsicherheiten" über die Auswirkungen der Wachstumsabschwächung in den USA auf den Rest der Welt und den Euro-Raum gebe.

Sieben Jahre später waren diese Zweifel wieder verflogen. Die EZB befand sich wieder in derselben Situation. Ein Konjunktureinbruch in den USA war bereits offensichtlich, aber die eigenen Wirtschaftsdaten zeigten noch keinen Einbruch an. "Wir rechnen damit, dass die Weltwirtschaft robust bleibt, weil die fortgesetzte Stärke der Schwellenländer die Wachstumsabschwächung in den USA teilweise ausgleicht", schrieb der EZB-Rat im Dezember 2007.

Diese These zog frühzeitig Kritik auf sich, lange bevor sie sich als offensichtlich falsch herausstellte. Nachdem die EZB die These Monat für Monat trotz aller Gegenargumente von außen wiederholte, stellte der Europa-Chefvolkswirt der Royal Bank of Scotland, Jacques Cailloux, in einer ausführlichen Studie dar, dass alle Erfahrung der Vergangenheit gegen die These von der Abkopplung der Schwellenländer sprach.

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