Finanzpolitik
Revolution auf dem Rummelplatz

Jetzt haben auch die USA ihre Märzrevolution hinter sich: Die Investmentbank Bear Stearns wurde gerettet und mit Steuergeldern stabilisiert. Der Staat greift radikal in das Finanzsystem ein, das außer Kontrolle geraten ist. Aber noch ist unklar, wohin diese neue Politik führt.

NEW YORK. Der März war historisch gesehen schon oft ein Monat des Aufbruchs. In Deutschland und Russland wurden in den Tagen kurz vor Frühlingsbeginn bedeutende Revolutionen ausgefochten. Jetzt hat auch Amerika eine "März-Revolution" hinter sich.

Das Eingreifen der amerikanischen Notenbank und des Finanzministeriums in den 96 Stunden ab dem 13. März sind zum Wendepunkt der Finanzkrise geworden. Die Rettung der Investmentbank Bear Stearns hat der Staat inszeniert und durch Steuergelder abgesichert. Die Notenbank öffnet ihr Diskontfenster für alle Brokerhäuser, erleichtert also die Liquiditätsvergabe. Beides markiert die Erkenntnis, dass sich die Finanzbranche ohne Hilfe des Staates nicht aus der Kreditklemme befreien kann. Kurzfristig haben diese radikalen Schritte mitgeholfen, die Lage auf den Finanzmärkten zu entspannen. Ohne ein Eingreifen des Staates hätte sich die Krise vermutlich weiter zugespitzt und ausgebreitet. Wie die ersten Frühlingsblumen nach einem langen Winter vorsichtig ihre Knospen öffnen, wächst in der Finanzwelt ganz langsam die Hoffnung, dass das Schlimmste überstanden ist. "Für eine Entwarnung ist es aber noch zu früh", sagt Mohamed El-Erian, Co-Chef des weltgrößten Anleihefonds Pimco, in einem Gespräch mit dem Handelsblatt. Zu oft haben sich die Hoffnungen der Märkte als trügerisch erwiesen. Auch diesmal besteht die Gefahr, dass auf die Erleichterung die nächste Panikattacke folgt. Langwierige Finanzkrisen gehen oft mit einer Achterbahnfahrt der Stimmungen einher. Einige Experten bezeichnen die Vorfreude an den Aktienmärkten deshalb als eine "Bären-Rally".

Ob die "März-Revolution" an der Wall Street das Ende der Finanzkrise eingeläutet hat, werden wir frühestens in einigen Monaten wissen. Bereits jetzt ist jedoch klar, dass die revolutionären Taten von Fed-Chef Ben Bernanke und US-Finanzminister Henry Paulson den Finanzkapitalismus in Amerika für lange Zeit verändern werden. Nicht nur die Grenze zwischen Markt und Staat hat sich verschoben. Ausgerechnet an der Wall Street, der Hochburg des Finanzkapitals, hat das Selbstverständnis der angelsächsischen Wirtschaftsphilosophie einen Knacks bekommen. Scheinbar ewige Wahrheiten sind ins Wanken geraten. "Das ist keine gewöhnliche Krise. Das ist das Ende einer Ära", sagt der Großinvestor George Soros.

Der Modellcharakter der amerikanischen und britischen Banken mit ihrer enormen Profitabilität erscheint rückblickend wie eine Schimäre. Sind doch die hohen Gewinne der vergangenen Jahre zum Großteil der enormen Hebelwirkung einer massiven Kreditaufnahme zu verdanken. Die großen Wall-Street-Häuser haben ihre Verschuldung auf das 30-Fache ihres Kapitals nach oben getrieben. Das war zwar außerordentlich effizient und profitabel, solange der Markt expandierte. Zwischen 2002 und 2006 haben die fünf großen Broker an der New Yorker Finanzmeile ihre Gewinne auf mehr als 30 Milliarden Dollar verdreifacht.

Lange Zeit galt die Gewinnmaschine der Finanzhäuser als "Black Box". Niemand durchschaute, wie die Investmentbanken jedes Quartal ihre Profite nach oben schraubten. Jetzt sind wir klüger und die Banken ärmer. Nach Berechnungen des Analysten Brad Hintz vom Investmenthaus Sanford C. Bernstein verdanken die Institute die Hälfte ihrer Gewinne seit 2003 ihren riskanten Wetten auf Pump. Weder das Risikomanagement der Banken selbst noch die Sicherheitssysteme der Finanzaufsicht waren jedoch für diesen Tanz auf dem Vulkan gerüstet. Sie wurden von der Krise kalt erwischt.

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