Folge der Immobilien- und Finanzkrise
US-Konjunktur: Marke zur Rezession erreicht

Die US-Wirtschaft hat im zweiten Quartal etwas an Dynamik gewonnen, das Wachstum blieb jedoch hinter den Erwartungen zurück. Zudem stieg die Zahl der Erstanträge auf Leistungen der US-Arbeitslosenversicherung überraschend auf den höchsten Stand seit fünf Jahren. Der Dax reagierte sofort auf die enttäuschenden Wirtschaftsdaten.

HB WASHINGTON. Die US-Wirtschaft hat sich im zweiten Quartal etwas erholt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg mit einer auf das Jahr hochgerechneten Rate von 1,9 Prozent nach 0,9 Prozent im Vorquartal, wie das US-Wirtschaftsministerium am Donnerstag nach vorläufigen Berechnungen mitteilte. Ökonomen hatten allerdings im Durchschnitt ein Plus von um die 2,3 Prozent erwartet.

Zudem wurde die Entwicklung im ersten Quartal dieses Jahres sowie im vierten Quartal vergangenen Jahres nach unten revidiert: Demnach ist die US-Wirtschaft zwischen Januar und März 2008 um annualisiert 0,9 Prozent statt wie bisher angenommen um 1,0 Prozent gewachsen. Für den Zeitraum zwischen Oktober und Dezember 2007 wurde sogar ein Rückgang des BIP um 0,2 Prozent statt um 0,6 Prozent ausgewiesen. Die seit Herbst 2007 verzeichnete Wachstumsschwäche ist vor allem Folge der Immobilien- und Finanzkrise in den USA.

Nach Angaben des Handelsministeriums ist der Zuwachs im zweiten Quartal vor allem auf die gute Exportlage, Verbraucher- und Staatsausgaben zurückzuführen. Importe seien zurückgegangen. Der US-Kongress hatte Anfang des Jahres ein gewaltiges Paket zur Ankurbelung der Konjunktur mit einem Gesamtvolumen von 168 Milliarden Dollar – rund 108 Milliarden Euro – ins Werk gesetzt. Der weit größte Teil davon, 152 Milliarden Dollar, soll als Steuerrückzahlungen für Bürger sowie als Investitionsanreize in die Wirtschaft gepumpt werden. Bislang floss etwa die Hälfte davon an die Amerikaner.

Der für die Inflationsentwicklung in den USA wichtige Kernpreisindex auf Basis der Konsumausgaben stieg um annualisiert 2,1 Prozent. Im Vorquartal hatte er um 2,3 Prozent zugelegt. Dieser Index ist für die US-Notenbank Fed ein zentraler Inflationsindikator.

Zudem stieg die Zahl der Erstanträge auf Leistungen der US-Arbeitslosenversicherung in der Woche zum 26. Juli überraschend auf den höchsten Stand seit fünf Jahren. Er liegt nahe der Marke von 400 000, die üblicherweise mit einer Rezession verbunden wird. Die Erstanträge schossen demnach saisonbereinigt um 44 000 auf 448 000 in die Höhe, wie das US-Arbeitsministerium am Donnerstag mitteilte. Volkswirte hatten hingegen einen Rückgang um 8 000 erwartet. Einen Teil des unerwarteten Anstiegs führte das Ministerium auf die Ausweitung der Hilfeleistungen auf bis zu 13 Wochen zurück. Manche Hilfeempfänger hätten entdeckt, dass sie zu neuen Anträgen berechtigt seien, sagte ein Sprecher. In der Woche zum 19. Juli erhielten den weiteren Angaben zufolge 3,282 Millionen Personen Arbeitslosenunterstützung, eine Zunahme gegenüber der Vorwoche um 185 000. Dies war der stärkste Anstieg seit mehr als zehn Jahren.

Der deutsche Aktienindex Dax reagierte mit deutlichen Abschlägen auf die Bekanntgabe der unter den Erwartungen liegenden US-Daten und büßte am Donnerstagnachmittag einen großen Teil seiner Gewinne wieder ein. Mit der Veröffentlichung der US-Konjunkturdaten schmolz das bis dahin mühsam errungene Plus von mehr als einem Prozent dahin. Der Index gewann zuletzt 0,22 Prozent auf 6474,29 Zähler. Zugleich registrierten sowohl Euro als auch Bund-Future deutliche Aufschläge.

Ein Analyst sprach von enttäuschenden Wirtschaftsdaten. Die BIP-Zahlen unterstrichen die zurückgehende Konsumneigung, die nachlassende Investitionsbereitschaft der Unternehmen sowie die Schwierigkeiten im Baugewerbe. Lediglich der Export profitiere von der Dollarschwäche. Damit wachse die US-Wirtschaft nun bereits seit dem 4. Quartal 2007 unter Potenzial.

Es sei nicht mehr gewährleistet dass die US-Konjunktur im laufenden Jahr noch ein Wachstum von zwei Prozent erreiche. Auch bleibe der Arbeitsmarkt angeschlagen; die Unternehmen seien weiter dabei, Arbeitsplätze anzubauen. Der Analyst stellt sich daher auch auf schwache Arbeitsmarktdaten am Freitag ein. Angesichts der Wachstumssorgen sei es trotz der anhaltenden Inflationsgefahren damit kaum vorstellbar, dass die Federal Reserve in absehbarer Zeit die Leitzinsen anheben werde, heißt es.

Der Internationale Währungsfonds IWF sprach sich derweil für eine deutliche Zinsanhebung in den USA aus, sobald die Wirtschaft wieder auf Erholungskurs ist. Angesichts der Gefahr steigender Inflationserwartungen sollte die US-Notenbank zu einer „entschiedenen Zinserhöhung neigen, wenn eine Belebung etabliert ist und die Lage auf dem Finanzmarkt sich entspannt“, teilte der Exekutivrat des IWF am Mittwoch in Washington mit.

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