Folgen der Zinssenkung
Fed setzt alles auf die Rezessionskarte

Mit seiner kräftigen Zinssenkung ist US-Notenbank-Chef Ben Bernanke bewusst ein hohes Risiko eingegangen. Er nimmt in Kauf, dass die Fed den Spekulationsboom auf den Kreditmärkten wiederbelebt und die Inflationsgefahr vernachlässigt, um die schwächelnde Wirtschaft in Amerika vor einer Rezession zu bewahren. Am Ende könnte Bernanke aber mit leeren Händen dastehen.

NEW YORK. Während die Risiken der Zinssenkung bereits erkennbar sind, ist es unter Ökonomen umstritten, ob die Notenbank mit ihrer Liquiditätsspritze die Konjunktur wieder auf Trab bringen kann. Den größten Jubel haben die geldpolitischen Lockerungsübungen an den Finanzmärkten ausgelöst. Auf den Kreditmärkten ist die Katerstimmung erst einmal verflogen. Hochverzinsliche Anleihen (Junk Bonds) wie die des Autobauers General Motors sind plötzlich wieder gefragt. Riskante Kreditpakete für Firmenübernahmen steigen im Wert. Und wo die Investoren noch zögern, können die Banken jetzt dank der Fed etwas nachhelfen.

So sollen die Finanzhäuser, die seit Wochen versuchen, die Kredite für den Buy-out des amerikanischen IT-Dienstleisters First Data am Markt unterzubringen, den interessierten Investoren neue Darlehen angeboten haben, um die Risikopapiere zu kaufen. Auf Pump aus der Schuldenkrise heißt das Signal, dass Bernanke gegeben hat. Es ist allerdings fraglich, ob er damit dauerhaft das Misstrauen der Anleger gegenüber strukturierten Kreditprodukten beseitigen kann.

Genauso unsicher ist es, ob die Fed mit ihrem Kredit-Doping den stotternden Konjunkturmotor wieder auf Touren bringt. Sinken die Risikoprämien auch für klassische Unternehmens- und Konsumentenkredite, wird das zweifellos die Wirtschaft beflügeln. Auf dem krisengeschüttelten Immobilienmarkt wird es vor allem darum gehen, ob die Hypothekenbanken ihre Kreditzügel wieder etwas lockern. Nur dann können neue Baudarlehen vergeben, Refinanzierungen vollzogen und Zwangsversteigerungen abgewendet werden. Das ist zugleich die Voraussetzung dafür, dass der riesige Überhang an unverkauften Häusern abgebaut und so ein massiver Preiseinbruch verhindert werden kann.

Soweit die Theorie. In der Praxis kann die Wirkungskette an vielen Stellen unterbrochen werden. So ist zum Beispiel die Verzinsung der 10jährigen US-Staatsanleihen nach der Zinssenkung leicht angestiegen. Der Grund: Die Bondhändler am langen Ende der Zinskurve fürchten eine steigende Inflation. Die Rendite der US-Treasurys hat jedoch zugleich eine Leitfunktion für Hypothekendarlehen und Unternehmensfinanzierungen.

Es ist also nicht gesagt, dass die Medizin der Fed wirklich die erhoffte Wirkung hat. Nach Meinung von Alan Meltzer, Wirtschaftsprofessor an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, macht die Notenbank zum wiederholten Mal den gleichen Fehler: „Sie konzentriert sich voll auf die Rezessionsgefahr und schenkt der Inflation kaum Beachtung.“

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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