Frühjahrstagung
IWF: Comeback eines Bad Guys

Keine zwei Jahre ist es her, dass der Internationale Währungsfonds abgeschrieben und als Relikt abgetan worden war. Die internationalen Kapitalmärkte liefen über, ein Geldverleiher als Retter in der Not schien überflüssig. Von diesen Abgesängen will im Krisenjahr 2009 niemand mehr etwas wissen. Zur Frühjahrstagung am Wochende in Washington richten sich mehr denn je die Blicke auf den Währungsfonds.

WASHINGTON. Die weltweite Finanzkrise verschafft dem Internationalen Währungsfonds (IWF) - ähnlich der Weltbank - eine Wiedergeburt, die kaum noch für möglich gehalten worden ist. Selbst scharfzüngige IWF-Kritiker wie Adam Lerrick von der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh reiben sich die Augen und flüchten sich in überirdische Erklärungen: "Was hier passiert, zeigt die Macht des Gebets", sagte Lerrick auf einer Veranstaltung des American Enterprise Instituts (AEI) in Washington. "Das ist die Wiederauferstehung einer Institution." Etwas zynisch schickt er hinterher: "Nur ein Kollaps biblischen Ausmaßes konnte den IWF noch retten. Und dieser ist tatsächlich eingetreten."

Nach Einschätzung von IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn ist die Krise noch lange nicht ausgestanden. Trotz erster Anzeichen für eine Besserung sei "das Ende noch weit entfernt", sagte er am Donnerstag. Eine Erholung sei erst im ersten Halbjahr 2010 zu erwarten. Dabei werde den USA eine zentrale Rolle zukommen, sagte Strauss-Kahn: "Die Erholung muss aus den Vereinigten Staaten kommen, sie wird aus den Vereinigten Staaten kommen."

Dem IWF bleibt also vorerst eine Menge Arbeit. Eine Ironie dabei ist, dass zum Ende dieses Monats die Entlassungswelle, mit der sich der IWF selbst sanieren wollte, abgeschlossen wird. 2 900 Mitarbeiter hatte der Fonds noch vor gut einem Jahr, inzwischen sind es nur noch 2 500. Frisch ausgestattet mit 750 Mrd. Dollar an Barmitteln und 250 Mrd. Dollar an Sonderziehungsrechten kann es nun gut sein, dass der Fonds bald wieder Leute einstellen muss. Personell gestutzt wurde ausgerechnet die Europaabteilung - doch gerade Osteuropa ist die Region, die dem Fonds viel neue Arbeit verschafft. Mit mehreren Programmen engagiert sich der Fonds in Ungarn, Weißrussland, der Ukraine, Lettland, Serbien und Rumänien. Erwartet wird, dass schon kurz nach der Frühjahrstagung der Antrag aus Polen, die heimische Währung mit rund 20 Mrd. Dollar zu stützen, gebilligt wird.

Mit der wachsenden Nachfrage nach Krediten verschieben sich die Konditionen, die der Fonds bisher immer sehr hoch gelegt hatte. Die Einrichtung einer neuen Flexiblen Kreditlinie (FCL), die von den Empfängern deutlich weniger Bedingungen verlangt, wäre bis vor kurzem undenkbar gewesen. In der Krise aber muss das Geld schnell zu jenen gebracht werden, die gefährdet sind. Eine Reihe von größeren Krediten sorgt dafür, dass die ursprünglich auf 100 Mrd. Dollar taxierte, neue Kreditlinie schon zu beinahe 80 Prozent ausgeschöpft ist. Sollten weitere Länder anklopfen, müsste der Fonds neue Mittel angreifen.

Trotz aller Aufwertung wird der Fonds noch von Sünden der Vergangenheit geplagt. In Asien genießt der IWF seit der dortigen Krise in den 90er-Jahren einen schlechten Ruf. Seine harschen Auflagen, die die Länder zu rigorosen Sparmaßnahmen zwangen und in Turbulenzen trieben, gelten als schwere Irrtümer, die nachwirken. Allerdings: Meistert der Fonds die Finanzkrise, dann besteht die Hoffnung, dass sich der Imageschaden auch in Asien beheben lässt.

Die neue Politik, bei der Beurteilung der Länderrisiken stärker auf die akuten Ursachen zu schauen als auf den strukturellen Rahmen, findet auch bei Kritiker Lerrick Beifall. "Der Fonds marschiert in die richtige Richtung", sagt er. "Er muss vor allem anderen ein Retter in Not sein." Daneben will sich der IWF auch als Frühwarnsystem etablieren, das die Welt rechtzeitig auf drohendes Ungemach an den Finanzmärkten hinweist. Das Know-how hierzu hätte der Fonds in jedem Fall. Es muss allerdings die Zukunft zeigen, ob sich der IWF auch dann Gehör verschaffen kann, wenn die Welt kein Interesse mehr an Kassandrarufen hat.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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