Für den Chefvolkswirt der EZB haben sich die Voraussetzungen für einen Aufschwung verbessert
Issing: Finanzmärkte geben Anlass zu vorsichtigem Optimismus

Die jüngsten Entwicklungen an den Finanzmärkten sind für die Europäische Zentralbank (EZB) „kein Anlass zur Sorge, sondern Grund für vorsichtigen Optimismus“. „Wir haben eine Erholung der Aktienmärkte gesehen, die von der Hoffnung getragen ist, dass es auch mit der realen Wirtschaft bald wieder bergauf gehen wird“, sagte EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing dem Handelsblatt.

FRANKFURT/M. „Der Anleihemarkt bietet – gemessen an Mustern der Vergangenheit – ein weitgehend normales Bild.“ Dem von Issing unterstellten Optimismus an den Aktienmärkten fehlt in der realen Welt bisher die Entsprechung. Trotz des historisch niedrigen Leitzinses von 2,0 % ist die Wirtschaft im Euro-Raum bisher nicht angesprungen. Die Geldmenge wächst mit Rekordraten.

Befürchten die Währungshüter nicht, dass sich durch den Boom an den Finanzmärkten Blasen bilden, die wegen mangelnder realer Fundierung keinen Bestand haben könnten? „Ich will mich nicht auf das Gebiet der Analytiker begeben und die Frage beantworten, ob das, was wir gesehen haben, schon den Namen ,Boom’ verdient oder nicht“, sagt Issing. Dass eine Blase platzen könne, sei immer möglich. „Aber die Frage, welche Rolle Vermögenspreise für die Geldpolitik der Notenbank spielen, ist eines der großen Probleme unserer Zeit.“ Die Strategie der EZB sei von Anfang an breit angelegt, um auch solche Entwicklungen angemessen zu berücksichtigen. Der hohe Geldüberhang indiziere: Da könnten später einmal Probleme kommen. „Aber gegenwärtig sehen wir sie nicht.“

Issing ist nach wie vor der Meinung, dass die Wirtschaft des Euro-Raums im zweiten Halbjahr an Fahrt gewinnt. Daraus soll sich dann ein Aufschwung ergeben, der sich 2004 fortsetzt und verstärkt. „Erfüllt sich diese Erwartung, wird zumindest ein Teil der Liquidität von höherer realer wirtschaftlicher Aktivität allmählich absorbiert.“

Die Erholung am Aktienmarkt könnte sich durchaus belebend auf die reale Wirtschaft auswirken, meint der Ökonom: „Die Vermögenslage bei Privaten, Unternehmen und Banken verbessert sich. Die Möglichkeiten, sich über die Börse Investitionsmittel zu besorgen, werden günstiger.“ Nach Jahren des Rückgangs gebe es erste Anzeichen für ein Anziehen der Eigenkapitalfinanzierung. Günstige Voraussetzungen für eine Erholung sieht Issing auch darin, dass sich die Kredite an private Haushalte und Unternehmen sowie deren Gesamtverschuldung stabilisiert haben.

„Am Anleihemarkt hat sich das Vertrauen in einen anhaltenden Aufschwung nur zögerlich durchgesetzt“, räumt Issing ein. Positive Konjunkturaussichten äußern sich in der Erwartung anziehender kurzfristiger Zinsen. Das bedeutet bei Anleihen sinkende Kurse und steigende Renditen. Während es bei Aktien seit Mitte Juni zu einer Beruhigung gekommen ist, sind die Anleihekurse in den vergangenen Tagen kräftig eingebrochen. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen stieg auf 3,88 %.

Dass ein weiteres Nachgeben der Anleihekurse große Löcher in die Bilanzen, insbesondere von Versicherungen, reißen könnte, befürchtet Issing nicht. Versicherer haben nach hohen Aktienkursverlusten in den letzten zwei Jahren stark in Anleihen investiert. „Ich gehe davon aus, dass sich gerade institutionelle Anleger gegen das Zinsänderungsrisiko abgesichert haben“, sagt Issing. Außerdem seien anhaltende Zinssteigerungen ohne eine entsprechende Erholung der Wirtschaft kaum denkbar. Steigende Zinsen wären dann von einer besseren Geschäftslage und günstigeren Perspektiven begleitet.

Nominalzinsen von 10 % und darüber sollte es Issing zufolge allerdings nicht mehr geben. „Je mehr sich an den Märkten und in der Wirtschaft die Überzeugung verfestigt, dass wir nicht nur eine kurze Episode von Preisstabilität erleben, sondern vor einer Ära anhaltend niedriger Inflationsraten stehen, desto stärker werden die Nominalgrößen diesem neuen Regime entsprechen“, erklärt der Notenbanker.

Die Möglichkeit, dass der Euro-Raum aus der Preisstabilität in eine Deflation abgleiten könnte, ohne dass diese sich vorher angekündigt hätte, schließt Issing aus. Von Japan heißt es, die Deflation sei überraschend gekommen. Issing widerspricht: Gewiss könne man aus dem Fall Japan lernen. Man dürfe dabei aber nicht erst bei dem Zeitpunkt ansetzen, in dem die überzogenen Aktien- und Grundstückspreise gerade abgestürzt sind. Das sei zu spät. „Die Banken hatten Kredite und Aktien in ihren Portefeuilles, die darauf beruhten, dass die teilweise geradezu grotesk überzogenen Marktbewertungen richtig waren. Man konnte schon vorher erkennen, dass diese hohen Vermögenspreise nicht durchzuhalten waren.“ Für den Euro-Raum insgesamt lasse sich am Immobilienmarkt dagegen keine Blase identifizieren.

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin
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