Furcht vor langer Rezession
Britische Wirtschaftsleistung sinkt stark

Zum ersten Mal seit 16 Jahren hat das Nationale Statistikamt eine sinkende Wirtschaftsleistung für das abgelaufene Quartal verkündet. Dass die britische Wirtschaft im kommenden Jahr ebenfalls schrumpfen wird, in diesem Punkt sind sich führende Ökonomen einig. Weder das Rettungspaket für das Bankensystem noch kräftige Leitzinssenkungen könnten noch eine schmerzhafte Rezession verhindern, warnen sie.

LONDON. Die Wirtschaft Großbritanniens ist im dritten Quartal überraschend deutlich geschrumpft. Von Juli bis September sei das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,5 gesunken, teilte das Nationale Statistikbüro nach einer ersten Schätzung am Freitag in London mit. Im Jahresvergleich betrug das Wachstum im dritten Quartal nur 0,3 Prozent. Ökonomen hatten im Quartalsvergleich lediglich einen Rückgang um 0,2 Prozent und im Jahresvergleich einen Anstieg um 0,5 Prozent erwartet. Im zweiten Quartal hatte die Wirtschaft im Quartalsvergleich stagniert und im Jahresvergleich war sie noch um 1,5 Prozent gewachsen.

Darauf hatten sowohl Notenbankchef Mervyn King als auch Premierminister Gordon Brown die Briten vorbereitet: Beide gestanden jetzt ein, dass eine Rezession nicht mehr zu vermeiden sei. Mit ihren klaren Worten beschleunigten sie die Talfahrt des Pfund Sterling. Das Nationale Institut für Wirtschafts- und Sozialforschung rechnet damit, dass das Bruttoinlandsprodukt 2009 um 0,9 Prozent sinkt. Daran könne auch die absehbare Serie an Leitzinssenkungen nichts mehr ändern, schreibt es in seiner jüngsten Prognose. Michael Saunders, Volkswirt der Citigroup, revidierte seine Wachstumsprognose für das kommende Jahr von minus 0,6 auf minus 1,0 Prozent.

Alle Indikatoren für die britische Wirtschaft zeigen derzeit nach unten. Die Finanzdienstleister haben als Konjunkturlokomotive ausgedient, spätestens seit die Regierung einen großen Teil des Banken- und Bausparkassenmarktes unter ihre Fittiche genommen hat. Brancheninsider erwarten, dass die vom Staat geretteten Banken trotz gegenteiliger Lippenbekenntnisse ihr Kreditgeschäft deutlich zurückstutzen werden. Auch auf dem Immobilienmarkt ist noch kein Ende der schmerzhaften Korrektur absehbar, obwohl die Hauspreise schon im Durchschnitt um ein Achtel gefallen sind.

Schockiert zeigen sich Analysten darüber, dass die Industrie bisher in keiner Weise von der Abschwächung des Pfund Sterling profitiert. Die Umfrage des Industrieverbandes CBI zur Stimmung der Wirtschaft im vergangenen Quartal sei schrecklich ausgefallen, sagte Ben Broadbent, Volkswirt von Goldman Sachs. Die Zahl der pessimistischen Unternehmen übertraf die der Optimisten um 60 Prozentpunkte - das gab es seit 1980 nicht. Nach der Erfahrung aus früheren Zyklen sollten die Exporte anziehen, wenn sich britische Waren wechselkursbedingt um 15 Prozent verbilligten, doch davon sei gar nichts zu sehen. Auch die Investitionsneigung der Unternehmen ist laut CBI auf dem niedrigsten Stand seit 27 Jahren.

Genauso große Sorgen bereitet den Ökonomen der private Konsum. Obwohl der zyklische Anstieg der Arbeitslosenzahlen gerade erst begonnen hat, zeigen sich bereits Bremsspuren. Citigroup-Ökonom Saunders erwartet einen Rückgang der privaten Ausgaben um zwei Prozent im kommenden Jahr, das NIESR sogar ein Minus von 3,4 Prozent. Im Weihnachtsgeschäft könne der Handel noch mit einem blauen Auge davonkommen, doch für Anfang 2009 drohe ihm eine wahre Pleitewelle, warnen Einzelhandels-Analysten.

Wie der Bankensektor und die Unternehmen müssen die privaten Haushalte nun ihre im europäischen Vergleich enorm hohe Verschuldung reduzieren. Das wird Jahre dauern und nicht ein paar Quartale. Im langen Boom seit Anfang der Neunzigerjahre lebten die Briten über ihre Verhältnisse. Im Vertrauen auf ewig steigende Hauspreise verschuldeten sich die Haushalte immer höher. Niedrige Importpreise und eine massive Zuwanderung von Arbeitskräften aus Osteuropa hielten die Inflation im Zaum. Doch in den vergangenen Monaten drehten die krisengeplagten Banken den Kredithahn zu, während die Preise für Energie und Lebensmittel in die Höhe schossen. Da bleibt den Briten nichts übrig, als das Sparen neu zu entdecken.

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