Gastbeitrag
D-Mark eignet sich nicht als Drohkulisse

Bei einer Rückkehr zur D-Mark hätte Deutschland heute ein um etwa 50 Milliarden kleineres BIP, besagt eine Studie der KfW-Bank. Doch laut Hans-Werner Sinn stimmen diese Berechnungen hinten und vorne nicht. Deshalb fordert der Ifo-Chef: Deutschland kann und muss den Widerstand wagen.
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Stark und Weber sind zurückgetreten, weil die EZB Deutschland gewaltige Vermögensrisiken aufbürdet, die die offiziellen Rettungspakete in den Schatten stellen. Der Club Med, der im Rat das Sagen hat, missbraucht die Bank für eine Kreditpolitik, die mit Geldpolitik im engeren Sinn nichts mehr zu tun hat und ihr Mandat überschreitet. Die Bundesrepublik kann sich das nicht länger bieten lassen. Sie sollte eine Neuverhandlung der Maastrichter Verträge verlangen.

Die EZB hat nicht nur für 130 Milliarden Euro Staatspapiere gekauft, was Bundespräsident Wulf als Umgehungstatbestand gegeißelt hat. Sie hat die Bundesbank zudem gezwungen, für weit mehr als 300 Milliarden Euro Target-Kredite an die Geschäftsbanken der GIPS-Länder statt an die deutschen Geschäftsbanken zu geben. Das hat Ex-Bundesbank-Präsident Schlesinger letzte Woche angeprangert. Das Maß ist voll.

Aber kann sich Deutschland überhaupt noch wehren? Ist es nicht erpressbar, weil es bei einem Austritt den größten Schaden hätte?

Dieser Meinung ist offenbar die KfW. Die Staatsbank hat dazu gerade eine Rechnung veröffentlicht, nach der Deutschland bei einer Rückkehr zur D-Mark wegen steigender Zinsen und eines steigenden Wechselkurses heute ein um etwa 50 Milliarden kleineres BIP hätte. So sehr ich noch immer für den Euro bin: Diese Rechnung stimmt hinten und vorne nicht.

Zunächst einmal ist es ja kein Nachteil für ein Land, sondern ein Vorteil, wenn der Zinssatz an seine Verhältnisse angepasst wird, statt den Erfordernissen einer Einheitswährung genügen zu müssen. Die Vorstellung, dass die Bundesbank einen für Deutschland schlechteren Zins gewählt hätte, als es die EZB tat, die alle Länder in den Blick nehmen musste, ist abwegig.

Wichtiger ist da schon das Wechselkursargument. In der Tat stünde die D-Mark heute unter Aufwertungsdruck, wenn Deutschland austräte, und das wäre sicherlich nicht gut für die Exporte. Die Schätzung der KfW, dass es zu einem Aufwertungseffekt von 15 Prozent kommen könnte, wenn der Wechselkurs freigegeben wird, ist nachvollziehbar. Dennoch eignet sich auch dieses Argument nicht als Drohkulisse.

Zum einen hätte nämlich eine Aufwertung nicht nur negative Auswirkungen für Deutschland. Positiv wäre, dass Industrie und Verbraucher importierte Vorprodukte und Konsumgüter billiger erwerben können. Der Terms-of-Trade-Gewinn einer Aufwertung von 15 Prozent liegt angesichts der deutschen Importquote von gut 40 Prozent bei sechs Prozent des BIP oder etwa 150 Milliarden Euro. Das ist das Dreifache der von der KfW berechneten Zahl.

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  • Die Schweiz als sehr kleiner Wirtschaftsraum ist stark vom internationalen Warentausch abhängig da viele Produkte nur in grossen Mengen wirtschaftlich hergestellt werden können. Dabei steigt und fällt die Konkurrenzfähigkeit einzelne Industriebetriebe natürlich mit dem Wechselkurs. Wenn die ganze Welt plötzlich die "wenigen" verfügbaren Fränkli haben möchten steigt der Wechselkurs rapide und bereiten den Betrieben starke Probleme. Die (vorübergehende) Kettung an den Euro soll verhindern, dass die eigentlich sehr produktive Schweizer Industrie nicht aufgrund der Krise unter die Räder kommt. Arbeitsplätze verlieren geht schnell, der Wiederaufbau dauert sehr lange wenn die Läden erst mal zu sind.

    Für den grössten Teil der Bevölkerung bedeutet der starke Franken einen hohen Lebensstandard und hohe Kaufkraft. Dabei sei angemerkt, dass es relativ leicht ist eine Währung gezielt abzuwerten. Einfach kräftig drucken und gegen Fremdwährung eintauschen. Dann einkaufen gehen. Nicht besonders schwer, oder?

    Gezieltes aufwerten ist dagegen schlicht unmöglich, wenn keiner die Papierfetzen mehr will. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich lieber ne starke Währung in der Tasche habe.

    Ach ja, schon mal drüber nachgedacht was mit unseren Euroschulden passiert wenn unsere DM 2.0 soooooooooo stark aufwertet? Richtig, zur Begleichung reicht die Portokasse. Wär auch nicht schlecht.

  • Gut argumentiert, da mit Fakten belegt und schlüssig dargelegt. In einem zeigt Sinn aber Angst vor der eigenen Courage: Einerseits werden die Vorzüge einer Aufwertung dargelegt. Dafür braucht es eine eigene Währung, also die DM. Andererseits ist er aber weiter für den EURO. Damit geht es nicht. Wogegen sollen wir also Widerstand leisten? Gegen den Euro insgesamt um diesem Kardinalmangel abzuhelfen oder nur gegen seine gleichfalls beschriebenen aber kurierbaren Auswüchse?

  • Was für ein Quatsch. Das würde bedeuten, dass keiner mehr etwas für seine alten Tage zurücklegen darf. Konsumverzicht solange man leistungsfähig ist damit man irgendwann nicht in die Altesarmut abrutscht wäre damit unmöglich. Wie wärs denn gleich mit Komunismus?

    Ich jedenfalls vertraue Norbert Blüm nicht meine Zukunft an und sorge lieber für meinen eigenen "Generationenvertrag". Vielleicht freuen sich aber ja auch die Erben! :-)

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