Gebannter Blick auf den Euro-Kurs
Volkswirte sehen mittelfristig niedrigeren Euro-Leitzins

Für die Ratssitzung am kommenden Donnerstag signalisiert die EZB aber noch keine Änderung des Satzes.

FRANKFURT/M. Die europäischen Währungshüter werden den Euro-Leitzins bei ihrer Sitzung am Donnerstag nicht ändern. Daran haben der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Wim Duisenberg, und andere Vertreter des EZB-Rates keinen Zweifel gelassen. Führende Volkswirte bezweifeln aber, dass das Ende des Zinssenkungszyklus schon erreicht ist. Sie erwarten eine weitere Lockerung, sollte die wirtschaftliche Entwicklung enttäuschen oder der Euro zu einem neuen Höhenflug gegenüber dem Dollar ansetzen.

„Ich teile den Optimismus nicht, dass sich die Konjunktur im Euro-Raum bereits im 2. Halbjahr verbessert“, sagte Jörg Krämer, Chefvolkswirt von Invesco Asset Management, dem Handelsblatt. Krämer zufolge richtet die EZB ihre Zinspolitik nicht an der Inflationsrate, sondern an den konjunkturellen Frühindikatoren aus. Diese würden so bald kein Aufschwungsignal senden. „Die EZB wird daher ihre Konjunkturerwartungen nach unten revidieren und im September oder Oktober die Zinsen senken.“

Skeptisch ist auch Ulrich Beckmann, Leiter des Research Büros Frankfurt der Deutschen Bank: „Es gibt Zeichen für einen Aufschwung, der im 2. Halbjahr einsetzen könnte. Aber letztes Jahr im Frühjahr haben die auch falsche Signale gesendet. Um unseren vorsichtigen Optimismus zu stärken, würden wir gern weitere positive Zeichen sehen.“ Eine Zinssenkung um 50 Basispunkte im 4. Quartal macht Beckmann aber primär vom Euro abhängig. Er sieht ihn bis Jahresende auf über 1,20 Dollar klettern. Das würde sowohl das Wachstum als auch die Inflation dämpfen und der Geldpolitik Spielraum nach unten eröffnen.

Holger Schmieding, Chefvolkswirt Europa der Bank of America, erwartet, dass der Euro bereits im Oktober auf 1,20 Dollar steigt: „Die EZB würde dann den Leitzins im Spätherbst noch einmal um 50 Basispunkte zurücknehmen.“ Der Wachstumsvorsprung der USA reiche nicht mehr aus, um das Kapital anzulocken, das das Leistungsbilanzdefizit von rund 500 Mrd. $ voll finanzieren würde. „Darum sinkt der Dollar im Trend“, erklärte Schmieding. Er ist gleichwohl zuversichtlich, dass die Konjunktur in den USA im Sommer und im Euro-Raum im Spätherbst anspringen wird. Von daher müsse die EZB nicht aktiv werden.

So sieht es auch der Chefvolkswirt der Allianz-Gruppe, Michael Heise. Er erwartet einen US-Aufschwung schon allein auf Grund der starken wirtschaftspolitischen Impulse. Die europäische Wirtschaft ziehe gegen Jahresende nach. Eine Aufwertung des Euros auf 1,20 Dollar bis Jahresende hält auch Heise für wahrscheinlich. Die EZB werde darauf aber nur mit einem kleinen Zinsschritt reagieren, „weil Wechselkursentwicklungen in ihrer Dauer schwer abzuschätzen sind“.

Bei einem Euro-Kurs von 1,25 Dollar und darüber könnte sich Uwe Angenendt, Chefvolkswirt der BHF-Bank, sogar Zinssenkungen in Richtung 1,0 % vorstellen. Die Konjunkturperspektiven beurteilt er sehr verhalten. In den USA befürchtet er ein Strohfeuer. „Sollte der Aufschwung im Euro-Raum schwach bleiben und mit weiter sinkenden Inflationsraten einher gehen, sehen wir Senkungspotenzial bis auf 1,5 %. Im Dezember liefere die EZB neue Prognosen. Bisher seien ihre Zinsschritte dazu zeitnah gewesen.

Keine Notwendigkeit, die Zinsen weiter zu senken, sieht dagegen der Leiter des Hauptstadtbüros des Instituts der Deutschen Wirtschaft, Klaus-Werner Schatz. Der Euro werde nicht dramatisch steigen. Die Konjunktur in den USA werde anspringen, und die fundamentalen Daten im Euro-Raum hätten sich nicht verbessert. „Es besteht kein Grund, aus dem Dollar zu gehen.“

Schatz hält grundsätzlich nichts von einer wechselkursorientierten Zinspolitik: „Was ist, wenn der Euro abwertet? Sollen wir dann die Zinsen erhöhen?“ Zudem fühle sich die EZB vor allem von den Franzosen unter Druck gesetzt, einer Lockerung des Stabilitätspaktes zuzustimmen. Sie werde eher ihre Unabhängigkeit demonstrieren wollen, als die Zinsen zu senken.

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin
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