Geldmengenwachstum
EZB räumt Strategieproblem ein

Vertreter der Europäischen Zentralbank (EZB) haben eingeräumt, dass eine grundlegende Annahme ihrer geldpolitischen Strategie nicht mehr gegeben ist. Dies stellt den Aussagegehalt des zuletzt sehr starken Geldmengenwachstums in Frage. Dadurch wird ein wichtiges Argument entwertet, das viele Analysten bisher zu der Einschätzung gebracht hat, dass die EZB ihren Zinserhöhungskurs im nächsten Jahr fortsetzen wird. Eine Zinserhöhung auf 3,5 Prozent im Dezember gilt ohnehin als sicher.

FRANKFURT. „Das ist eine Neuigkeit: Wir haben festgestellt, dass die Geldnachfrage instabil ist“, sagte Lucrezia Reichlin, EZB-Generaldirektorin für Forschung, auf einer von der EZB veranstalteten wissenschaftlichen Tagung in Frankfurt. Christian Noyer, Präsident der Bank von Frankreich und Mitglied im geldpolitischen Rat der EZB, sagte: „Es könnte sein, dass wir es mit einer dauerhaften Zunahme der Geldnachfrage zu tun haben, was natürlich die Schätzung des Liquiditätsüberhangs verändern würde.“ Wenn die Geldnachfrage höher ist, so ist eine höhere Geldmenge mit stabilen Preisen vereinbar.

Die Bemerkungen beziehen sich auf die so genannte „monetäre Säule“ der Zweisäulenstrategie der EZB. In deren Rahmen wird aus der Entwicklung von Geldmenge und Kreditvolumen auf Inflations- oder Deflationsdruck geschlossen, der von Inflationsprognosen auf Grundlage einer traditionellen Inflationsprognose möglicherweise übersehen wurde.

Zu diesem Zweck hat die EZB einen Referenzwert von 4,5 Prozent für das Wachstum der Geldmenge M3 festgelegt, den sie für vereinbar mit Preisstabilität hält. „Um sicher zu sein, dass der Referenzwert mit Preisstabilität auf mittlere Sicht vereinbar ist, muss die Geldmenge über diesen Zeithorizont eine stabile Beziehung zum Preisniveau aufweisen“, schrieb die EZB 1999 bei der Begründung ihrer Strategie. Die von Reichlin und Noyer eingeräumte Instabilität der Geldnachfrage bedeutet, dass diese Bedingung nicht mehr gegeben ist.

Auf der Konferenz setzte die EZB ihre Strategie dem Urteil der renommiertesten akademischen Geldpolitikexperten aus. „Diese Sitzung war verheerend für die Trennung der beiden Säulen in der geldpolitischen Strategie der EZB“, fasste Willem Buiter, Professor an der London School of Economics und ehemaliges Mitglied im Rat der Bank von England, die Diskussion zusammen.

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