Geldpolitik: Trichet – Metamorphose eines Notenbankers

Geldpolitik
Trichet – Metamorphose eines Notenbankers

Geheimverhandlungen und Muskelspiele: Heute hat EZB-Präsident Jean-Claude Trichet erneut die Zinsentscheidung der EZB verkündet. Ein neues Buch enthüllt, wie verbissen Deutsche und Franzosen einst um den Euro kämpften – und wie Trichet zum großen Verfechter einer politisch unabhängigen Notenbank wurde.

LONDON. Hoch über Frankfurt, im 36. Stock des Eurotowers, nimmt das Ritual am heutigen Donnerstag wieder seinen Lauf. Dann lässt sich Jean-Claude Trichet wie alle 14 Tage auf dem Präsidentensessel am großen Konferenztisch am Sitz der Europäischen Zentralbank nieder. Europas oberster Währungshüter berät mit seinen 21 Kollegen im EZB-Rat, mit welcher Zinsstrategie die Zentralbank weiter gegen die Kredit- und Konjunkturkrise vorgehen will. Die Zinsen senken? Und, wenn ja, um wie viel? Was spricht dafür, was dagegen? Wo liegen die Risiken, wo die Chancen?

Dann wird entschieden, und kein Politiker darf Trichet und seine EZB-Kollegen beeinflussen. Alle müssen lauschen, wenn Trichet um 14.30 Uhr zur Pressekonferenz bittet, mag auch mancher über Trichets Worte die Faust in der Tasche ballen. Denn staatsrechtlich ist die EZB unabhängig.

Wie stark sie diese Unabhängigkeit macht, hat sie unter Trichets Führung während der Umwälzungen der vergangenen Monate mehr als einmal bewiesen. Die spannungsgeladenen Umstände haben Trichet zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten im Umgang mit der um sich greifenden Krise werden lassen. Wie hart der Kampf um die Unabhängigkeit der EZB Anfang der 90er-Jahre jedoch wirklich war - besonders zwischen Deutschland und Frankreich - und wie weit auch der Weg Jean-Claude Trichets bis hin zum Fürsprecher der politischen Freiheit des Zentralbankers war, das wird erst heute in vollem Umfang deutlich - dank zahlreicher detaillierter Interviews mit den damals Handelnden wie Helmut Schlesinger, Hans Tietmeyer, Jacques de Larosière oder Theo Waigel sowie diverser bisher unbekannter Dokumente.

Wer Krisen meistern muss, schöpft am besten aus den Erfahrungen vergangener Krisen. Nur wer solche Ereignisse einst gemeistert hat, ist auf Erschütterungen vorbereitet, wie sie die Weltwirtschaft derzeit erlebt. Gerade Jean-Claude Trichet hat durch Krisen gelernt.

Es ist ein gewisses Paradoxon, dass gerade ein französischer Notenbanker eine Stellung der Unabhängigkeit errungen hat, die Europa in einer Zeit des Umbruchs zugute kommt. Denn traditionell gehörte in Frankreich politische Kontrolle über die Geld- und Währungssouveränität zur höchsten Staatsräson. Trichet absolvierte lange Lehrjahre als Direktor des mächtigen französischen Schatzamts, wo er die Banque de France unter seiner Obhut hatte, und dann 1993 bis 2003 als Gouverneur der Banque de France, nachdem Frankreichs Notenbank in die Unabhängigkeit entlassen wurde.

Heute trifft Trichets Autonomiebewusstsein in Frankfurts Bankenszene sowie bei Angela Merkel und Peer Steinbrück auf herzhaft positive Resonanz; daheim in Paris jedoch schlägt ihm noch immer Unbehagen entgegen, besonders bei Präsident Nicolas Sarkozy, der mit noch größerer Ungeduld als sein Vorgänger Jacques Chirac die EZB-Zinspolitik immer wieder kritisch begleitet.

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