Geldpolitik

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EZB-Entscheidung: Draghi gibt Banken Zucker – und droht mit der Peitsche

Die EZB hat den Schlüsselzins auf Rekordtief gesenkt. Damit kommen Banken so günstig an Geld wie nie. Allerdings könnten ihnen künftig Strafen drohen, wenn sie das Geld nicht weitergeben. Die Märkte reagieren verstimmt.

Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank. Quelle: dpa
Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank. Quelle: dpa

BratislavaDie Banken in der Euro-Zone können sich noch mindestens ein Jahr lang unbegrenzt Geld bei der Europäischen Zentralbank (EZB) leihen. Diese Regelung werde mindestens bis zum 9. Juli 2014 verlängert, kündigte EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstag an. „Unsere Maßnahmen kommen allen Banken zu Gute“, sagte Draghi. Ursprünglich wäre die Rundumversorgung im Juli 2013 ausgelaufen.

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Bei ihrer Sitzung in Bratislava senkte die Europäische Zentralbank ihren Schlüsselzins von 0,75 auf das Rekordtief von 0,5 Prozent. Damit kommen Geschäftsbanken im Euroraum so günstig an Zentralbankgeld wie nie seit Einführung der Gemeinschaftswährung im Jahr 1999. Die Währungshüter hoffen, dass die Finanzbranche das billige Geld in Form von Krediten an Unternehmen und Verbraucher weiterreichen wird. Der Zinssatz für Geld, das Banken über Nacht bei der EZB parken, bleibt unverändert bei null Prozent. Allerdings könnten den Banken künftig Strafen drohen, wenn sie das Geld nicht an die Wirtschaft weiterleiten.

Billiges Geld: Schlechte Zeiten für Sparer

  • Warum macht die EZB das Geld im Euroraum noch billiger?

    Weil der Leitzins auf seinem bisherigen Rekordtief von 0,75 Prozent nicht genügend Durchschlagskraft hatte: Der Euroraum steckt weiterhin tief in der Rezession. Zwar ist umstritten, ob der niedrigere Zins die Konjunktur spürbar antreiben kann. Aber die Notenbank signalisiere mit dem Schritt, dass sie „den Ernst der Lage erkannt habe“, sagte Michael Krautzberger, Leiter des Teams für europäische Anleihen bei Blackrock, dem Handelsblatt. Aus Sicht von Helaba-Ökonom Ulf Krauss sind die Vorteile einer Zinssenkung eher psychologischer Natur: „Vielleicht reicht ja ein kleiner Flügelschlag der Geldpolitik aus, um der zuletzt gedrückten Stimmung bei den Unternehmen den entscheidenden Anschub zu geben, wird sich der eine oder andere Notenbanker denken“, schrieb Krauss vor der EZB-Sitzung.

  • Wem nutzen niedrige Zinsen?

    Niedrige Zinsen verbilligen tendenziell Kredite. Unternehmen können dann im Prinzip mehr investieren und Verbraucher mehr kaufen, was nicht sofort aus eigener Tasche bezahlbar ist. Beides kann die Konjunktur ankurbeln. Solche Wachstumsimpulse sind aktuell vor allem in den Krisenstaaten im Süden Europas gefragt: Griechenland, Italien, Portugal, Spanien – sie alle ächzen unter harten Reformen, rigiden Sparauflagen und hoher Arbeitslosigkeit. Aber auch in Deutschland profitieren zumindest einige vom billigen Zentralbankgeld: Darlehen für Hausbauer und Wohnungskäufer sind derzeit extrem günstig.

  • Stimmt es, dass Deutschland eigentlich höhere Zinsen bräuchte?

    In der Tendenz ja. Die Wirtschaft in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren deutlich besser entwickelt als im Euroraum. Auch der Arbeitsmarkt steht gut da, das macht hohe Tarifabschlüsse wahrscheinlicher. Daher kann billiges Geld hierzulande schneller die Inflation anheizen als in Spanien, Zypern oder Griechenland. Doch im Moment ist das nicht in Sicht. Kommt es zum Preisauftrieb, könnten höhere Zinsen dagegen helfen. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte kürzlich auf das Dilemma der EZB aufmerksam gemacht: Die Zinsen für Deutschland seien eigentlich schon zu niedrig, während die EZB für andere Länder eigentlich noch mehr tun müsse. Allerdings ist die Lage hierzulande ebenfalls noch gedämpft – im Schlussquartal 2012 schrumpfte die deutsche Wirtschaft und auch 2013 läuft bisher nicht wirklich rund.

  • Was ist schlecht daran, wenn das Geld billig ist?

    Billiges Geld kann zu Inflation, also Geldentwertung, führen. Je mehr das Geld entwertet wird, umso weniger Waren und Dienstleistungen können Verbraucher kaufen. Die Kaufkraft sinkt also, ebenso der Wert der Ersparnisse. Auf der anderen Seite zehrt Inflation aber auch Schulden auf. Die EZB strebt mittelfristig eine Teuerungsrate von „unter, aber nahe bei“ 2,0 Prozent als stabiles Preisniveau an. Im April sank die Inflation im Euroraum auf 1,2 Prozent - trotz der seit Monaten weit geöffneten Geldschleusen der EZB.

  • Werden jetzt Kredite für Verbraucher billiger?

    Tendenziell ja. Verbraucherschützer haben jedoch die Erfahrung gemacht, dass Banken eine Erhöhung der Leitzinsen bei Krediten schneller an ihre Kunden weitergeben als eine Senkung.

  • Entwertet die Geldschwemme meine Ersparnisse?

    Im Prinzip ja. Zwar ist die Inflation derzeit auf dem Rückzug, dennoch liegen die Sparzinsen meist noch deutlich darunter. Heißt: Wer Geld auf Sparbuch, Tagesgeldkonto oder in Bundesanleihen anlegt, macht nach Abzug der Inflation zumeist ein Verlustgeschäft. In einer gemeinsamen Erklärung vor der EZB-Sitzung hatten die Verbände von Volksbanken, Sparkassen und Versicherungswirtschaft in Deutschland davor gewarnt, die Zinsen noch weiter zu senken: „Jeder Zinsschritt nach unten lässt die Sparguthaben schmelzen. Sinkende Zinsen bedeuten einen sinkenden Anreiz für das Sparen und Vorsorgen. Dabei müssen die Menschen heute mehr als bisher vorsorgen, um ihren Lebensstandard im Alter zu sichern.“

Die EZB könnte die Banken zu einer stärkeren Kreditvergabe animieren, indem sie künftig eine Art Strafgebühr zahlen müssen, wenn sie Geld bei der Zentralbank parken. „Wir sind technisch darauf vorbereitet“, sagte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, in Bratislava. „Es gibt noch einige ungewollte Nebenwirkungen, die wir meistern müssen, wenn wir uns zum Handeln entscheiden.“

Banken können Geld bei der EZB parken, wofür sie in normalen Zeiten Zinsen bekommen. Damit sie das nicht tun, sondern das Geld als Kredite an Unternehmen weiterreichen, hat die Zentralbank diese Anlageform unattraktiv gemacht, indem sie den Zinssatz schon auf null gedrückt hat. Jetzt könnte die EZB noch einen Schritt weitergehen und mit negativen Zinsen eine Art Strafgebühr einführen.

Stimmen zum Zinsentscheid der EZB

  • Marcel Fratzscher (Präsident des DIW-Instituts):

    „Man sollte sich nicht an die Hoffnung klammern, dass die EZB-Entscheidung die Finanzierungsbedingungen in den Krisenländern deutlich verbessern wird. Die Entscheidung ist lediglich ein Signal an die Märkte, dass die EZB bereit und auch in der Lage ist, weiterhin zu agieren, um Finanzstabilität zu sichern. Die Krise ist noch immer vor allem eine Vertrauenskrise. Die EZB kann dieses Vertrauen nur begrenzt beeinflussen. Die EZB kann nicht die Strukturprobleme der Krisenländer lösen, sondern den Regierungen nur etwas Zeit erkaufen, notwendige Reformen umzusetzen. Aber diese Entscheidung wird den Ländern nur minimal mehr Spielraum geben. Die Entscheidung sendet auch ein negatives Signal. Sie zeigt, dass die EZB sich Sorgen um die Erholung der europäischen Wirtschaft macht, und nun eine noch stärkere Abschwächung erwartet. Die EZB hat mit der Entscheidung ihren Spielraum der Zinspolitik noch weiter reduziert und fast erschöpft.“

  • Jörg Warncke (Leiter G7-Rentenmärkte bei Union Investment):

    „Ich sehe durch die Zinssenkung nicht die Gefahr einer Preisblase in Deutschland aufziehen. Ich glaube nicht, dass die deutschen Sparer nun ihre traditionelle Vorsicht über Bord werfen und auf einen kreditfinanzierten Konsum umsteigen. Die niedrigen Zinsen werden den Immobilienmarkt sicher weiter beflügeln. Aber eine bedrohliche Entwicklung sehe ich auch hier noch nicht. Deutschland hat einen Nachholbedarf an eigengenutzten Immobilien.

    Ich mache mir mehr Sorgen über eine deflationäre Entwicklung. Die Euro-Zone steckt in der Rezession, die Arbeitslosigkeit steigt.

    Wichtig ist deshalb, dass die EZB die Fragmentierung der Kreditvergabe in Angriff nimmt. Es kann nicht sein, dass ein Unternehmen in Südtirol deutlich schlechtere Konditionen bekommt als eines im benachbarten Tirol. Dagegen kann sie etwas tun - etwa, indem sie die Kreditvergabe an mittelständische Unternehmen lockert oder die Europäische Investitionsbank EIB mit mehr Liquidität versorgt.“

  • Michael Kemmer (Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands):

    „Die heutige Zinssenkung ist eine Reaktion auf die anhaltend trüben Konjunkturperspektiven im Euro-Raum sowie den nachlassenden Preisauftrieb. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit und der Rezession, in der der Euro-Raum insgesamt feststeckt, wird die Inflationsrate im Jahresverlauf unter der mittelfristigen Zielmarke der EZB von knapp zwei Prozent bleiben. Mit Blick auf das ohnehin schon extrem niedrige Zinsniveaus wird der heutige Zinsschritt - wenn überhaupt - nur äußerst geringe Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung und die Kreditvergabe der Banken haben. Die hohen Kreditzinsen für kleine und mittlere Unternehmen in einigen Euro-Staaten können jedenfalls nicht mit der heutigen Zinssenkung behoben werden.

    Es war richtig, dass die EZB ihren Einlagezins unverändert bei null gelassen hat. Negative Zinsen wären keine gute Maßnahme, um Erwartungen zu stabilisieren und die Investitionsneigung zu erhöhen.“

  • Martin Wansleben (DIHK-Hauptgeschäftsführer):

    „Der Zinsschritt nach unten ist ein Tribut der EZB an die Rezession in weiten Teilen der Eurozone. Ob er hilft, ist allerdings sehr fraglich. Denn die Banken hatten bereits zuvor genügend Liquiditätsspielraum für die Unternehmensfinanzierung, nutzten ihn aber nicht. So lange sich die Geschäftsaussichten in der Eurozone nicht aufhellen, überwiegen die Kreditrisiken. Daran ändert auch ein Leitzins von nur noch einem halben Prozent nichts. Was Europa braucht ist Ausdauer und ein starker Reformwille. Nur so gelingt die Rückkehr zu Wachstum und Beschäftigung.“

  • Michael Meister (Vizechef der Unionsfraktion im Bundestag):

    „Die jetzige Zinsentscheidung ist für Deutschland allein betrachtet zwar nicht unbedingt optimal, es gibt aber auch keinen Grund, sie zu dramatisieren: Die EZB muss in ihren geldpolitischen Entscheidungen den gesamten Euro-Raum im Blick haben und nicht nur ein einziges Teilgebiet.

    Für mich ist klar die Fiskalpolitik in den Euro-Staaten gefordert. Je schneller die Krisenstaaten durch die Umsetzung der Reformzusagen aus der Krise herauskommen und je besser die Koordination der Fiskalpolitik im Euro-Raum funktioniert, desto weniger wird es künftig solche Spannungen im Zuge der EZB-Geldpolitik geben.“

  • Sahra Wagenknecht (Vizechefin der Fraktion der Linken im Bundestag):

    „Die Zinssenkung wird die Unternehmen nicht erreichen. Die privaten Großbanken finanzieren eher Hedge-Fonds als den Kauf einer Maschine durch den Mittelstand. Selbst in Deutschland sind kleine Unternehmen gezwungen, Investitionen über teure Dispokredite mit mehr als zwölf Prozent Zinsen zu finanzieren. In Südeuropa ist die Kreditklemme offensichtlich. Die Sparbomben verschärfen die Staatsverschuldung, den Investitionsstreik und die Refinanzierungsbedingungen von Staaten und Unternehmen.

    Wir müssen die Kreditvergabe an die Realwirtschaft ankurbeln, statt besinnungslos Liquidität in die Finanzmärkte zu pumpen. Die EZB übernimmt lediglich die riskanten Papiere der Banken und Vermögenden und befreit die Finanzhaie von jeder Haftung bei Schuldenschnitten.“

  • Jörg Zeuner (KfW-Chefökonom):

    „Ich begrüße die Zinssenkung. Sie ist ein positives Signal und dürfte die Stimmung heben. Die EZB denkt europäisch: In 13 von 17 Ländern steigt die Arbeitslosigkeit und in 12 von 17 Ländern entzieht die Sparpolitik der Wirtschaft in diesem Jahr Nachfrage und die Kredite an den Privatsektor schrumpfen seit acht Monaten in Folge. Die Inflation ist zuletzt auf 1,2 Prozent gefallen, und die Inflationserwartungen für die nächsten fünf Jahre sind fest bei 2,1 Prozent verankert. Die EZB nutzt ihren Handlungsspielraum also verantwortungsvoll.“

  • Maxence Mormède (Leiter Rentenmanagement Deutschland bei Allianz Global Investors):

    „Die Nachfrage nach Anleihen von Peripherieländern könnte im kurzen Laufzeitbereich steigen. Auch für andere Anlageklasse mit Risikoprämien sind niedrige Zinsen eine Unterstützung, weil sie attraktiver werden. Wir erwarten unter dem Strich aber keine großen Auswirkungen auf die Preise der verschiedenen Anlagekategorien. In den Anlagestrategien sind die niedrigen Zinsen schon reflektiert.

    Relevanter ist jetzt, wie sich die neue Regierung in Italien verhält oder was Länder wie Frankreich machen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Die EZB hat ihre Hausaufgaben erledigt. Jetzt haben die Krisenländer die einmalige Chance, sich zu reformieren. Das ist jetzt viel einfacher umzusetzen als in Phasen mit hohen Zinsen.“

Das wäre eine unkonventionelle Maßnahme, mit der die Währungshüter noch mehr Geld in den Wirtschaftskreislauf pumpen könnten. An den Finanzmärkten wurde diese Aussicht mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Der Euro fiel nach Draghis Aussagen auf 1,3062 Dollar, nachdem er wenige Minuten zuvor noch bei 1,3215 Dollar notiert hatte. Im Gegenzug kletterte der Bund-Future auf ein Rekordhoch von 147,02 Punkten. „Die Aussage, dass die EZB technisch bereit für einen negativen Einlagezins ist, hat Zinssenkungsfantasien aufgebracht“, sagte Helaba-Analyst Ralf Umlauf.

Die Möglichkeit für Strafzinsen auf Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB löste auch Verkäufe bei Bankaktien aus. Der Branchenindex für die Banken der Euro-Zone verlor bis zu 1,6 Prozent, nachdem er zum Auftakt der EZB-Pressekonferenz in der Spitze um 2,5 Prozent zugelegt hatte. Vor diesem Hintergrund gab auch der Dax seine Gewinne fast komplett ab und notierte mit 7919 Punkten nur noch knapp über seinem Vortagesschluss.

Die Zinsschritte der EZB in der Krise

  • 8. Oktober 2008:

    Die EZB kappt erstmals seit Juni 2003 den Leitzins für den Euro-Raum und verringert ihn um 0,5 Prozentpunkte auf 3,75 Prozent – Grund sind die Folgen der Finanzmarktkrise und Rezessionsängste.

  • 6. November 2008:

    Der Leitzins im Euro-Raum wird zum zweiten Mal in Folge drastisch gesenkt, auf 3,25 Prozent.

  • 4. Dezember 2008:

    Es folgt die bisher größte Zinssenkung in der Geschichte der EZB: Der Leitzins fällt um weitere 0,75 Punkte auf 2,50 Prozent.

  • 15. Januar 2009:

    Es geht weiter bergab: Der Leitzins sinkt auf 2,0 Prozent. Damit reagiert die EZB auf die sich weiter verschärfende Krise.

  • 5. März 2009:

    Der Leitzins sinkt auf 1,5 Prozent, Anfang April dann auf 1,25 Prozent.

  • 7. Mai 2009:

    Der niedrigste Stand seit dem Zweiten Weltkrieg ist erreicht: Der Zinssatz fällt auf 1,0 Prozent. Seit Herbst 2008 ist der Zinssatz damit um 3,25 Punkte gesunken.

  • 7. April 2011:

    Wegen der wachsenden Inflationsgefahr heben Europas Währungshüter den Leitzins um 0,25 Punkte auf 1,25 Prozent und im Juli auf 1,5 Prozent an.

  • 3. November 2011:

    Gleich bei der ersten Sitzung unter Vorsitz des neuen EZB-Präsidenten Mario Draghi wird der Leitzins überraschend wieder auf 1,25 Prozent gesenkt. Anfang Dezember fällt er wieder auf 1,0 Prozent.

  • 5. Juli 2012:

    Erstmals seit Einführung des Euro sinkt der Satz unter ein Prozent - auf 0,75 Prozent.

Draghi begründete die Zinssenkung mit der Wirtschaftskrise und der geringen Inflationsgefahr. „Die Lage am Arbeitsmarkt ist schlecht.“ Die pessimistischere Stimmung in der Wirtschaft habe sich zudem ausgedehnt. „Die Zinssenkung soll die Erholung im weiteren Jahresverlauf unterstützen“, sagte Draghi.

Die Währungshüter hoffen, dass die Finanzbranche das billige Geld in Form von Krediten an Unternehmen und Verbraucher weiterreichen wird. Durch Investitionen und Konsum, so die Hoffnung, würde die Konjunktur angekurbelt werden. Das funktioniert bislang nicht in dem erwarteten Maß – obwohl das Zinsniveau im Euroraum bereits seit Juli 2012 extrem niedrig ist und die EZB den Banken zusätzlich mit langlaufenden Krediten zu extrem günstigen Konditionen unter die Arme griff. Kehrseite der Medaille für Verbraucher: Mit niedrigen Notenbankzinsen sind auch extrem niedrige Zinsen zum Beispiel für Sparkonten verbunden.

Historische Zinssenkung der EZB

  • Historische Zinssenkung

    Noch zu Jahresbeginn hatten die Experten ein schnelles Anziehen der Konjunktur erwartet. Diese Hoffnung hat Dämpfer erlitten. Die Stimmung in der Wirtschaft hat sich spürbar eingetrübt, und die Krisenländer stecken weiter tief in der Rezession. Große Euroländer wie Spanien oder Frankreich leiden etwa unter einer historisch hohen Arbeitslosigkeit. Selbst in Deutschland stottert der Konjunkturmotor. Wegen der enttäuschenden Konjunkturdaten erwarten Experten am Donnerstag, spätestens aber im Juni eine Lockerung der Geldpolitik.

  • Erhöhen noch tiefere Zinsen die Inflationsgefahr?

    Trotz der weit geöffneten Geldschleusen ebbt der Preisdruck in der Eurozone ab. Im April sank die Inflationsrate auf 1,2 Prozent - und damit klar unter die EZB-Zielmarke von knapp 2,0 Prozent. Die EZB hat also Spielraum - im Moment. Nicht nur Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat das Dilemma der EZB erkannt: Laut Merkel sind die Zinsen für Deutschland schon zu niedrig, während die EZB für andere Länder eigentlich noch mehr tun müsse, damit Unternehmen dort wieder günstig an Kredite kommen. Das kann den Preisauftrieb hierzulande anheizen. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer warnt: „Die für Deutschland zu expansive Geldpolitik lässt befürchten, dass die Inflationsraten in den kommenden Jahren dauerhaft über 2 Prozent steigen.“

  • Warum braucht Deutschland eigentlich höhere Zinsen?

    Deutschland kam bisher vergleichsweise gut durch die Krise. Der Arbeitsmarkt ist extrem robust. Die Lohnstückkosten seien deutlich stärker gestiegen als in anderen Euroländern, betont Krämer: „Spätestens wenn die Nachfrage wieder anzieht, werden die Unternehmen die Preise stärker anheben, um die Gewinnmargen wieder auszuweiten.“

  • Was bedeutet das für Sparer in Deutschland?

    Eine hohe Inflationsrate bei niedrigen Zinsen frisst die Ersparnisse auf. Deshalb warnte der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), Georg Fahrenschon, die EZB vor einer weiteren Zinssenkung: „Noch mehr und noch billigeres Geld vermindert den Anreiz zum Sparen. „Anleger würden mit zu niedrigen Zinsen immer stärker zu ungefragten Solidarmaßnahmen zur Entschuldung von Euro-Staaten herangezogen. „Wenn die EZB zulasten der Gläubiger und zugunsten der Schuldner Partei ergreift, wird der Geldwertstabilität zu wenig Gewicht beigemessen.“

  • Macht eine weitere Leitzins-Senkung überhaupt Sinn?

    Die Meinungen darüber gehen auseinander. Der deutsche Vertreter im EZB-Direktorium, Jörg Asmussen, dämpft die Erwartungen: „Geldpolitik ist keine Allzweckwaffe gegen jede Art ökonomischer Krankheit.“ Gerade in den Krisenländern, wo sie am meisten gebraucht werde, wirke eine Zinssenkung kaum. Im Gegenteil: Asmussen sieht die Gefahr, dass das billige Geld die Reformbereitschaft von Regierungen schmälert. Hingegen empfiehlt Ökonom Julian Callow von Barclays Capital unter anderem eine Zinssenkung - und zwar gleich um 0,5 Punkte auf 0,25 Prozent: „Die Wirtschaftsleistung im Euroraum steht vor dem Kollaps, das ist eine Zombie-Ökonomie.“ Vor allem die hohe Arbeitslosigkeit sei ein riesiges Problem, die EZB müsse handeln.

  • Würde der niedrigere Zins die Konjunktur tatsächlich ankurbeln?

    In der Krise kommen die niedrigen Zinsen nicht überall bei Unternehmen und Privaten an. Mangelnder Zugang zu frischem Notenbankgeld sei aber nicht die Ursache für die erschwerten Finanzierungsbedingungen in den Krisenländern, heißt es beim Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR). Ausschlaggebend seien die höheren Risiken, die Banken bei der Kreditvergabe zögern ließen. In Ländern wie Portugal, Spanien oder Griechenland müssten Unternehmen bis zu fünf Prozentpunkte mehr für Kredite bezahlen als in Deutschland. Fahrenschon ist überzeugt: Ein Zinssatz noch näher Null werde die Kreditbedingungen für Unternehmen in Südeuropa nicht verbessern, sondern neue Stabilitätsgefahren herbeiführen. Es sei zu befürchten, dass schwache Banken die zu günstigen Zentralbankkredite eher zum Kauf von höherverzinslichen Staatsanleihen von Krisenstaaten nutzen würden - anstatt für Unternehmenskredite.

Die beschlossene Zinssenkung ist nach Ansicht des stellvertretenden CDU/CSU-Fraktionschefs Michael Meister vertretbar. „Die jetzige Zinsentscheidung ist für Deutschland allein betrachtet zwar nicht unbedingt optimal, es gibt aber auch keinen Grund, sie zu dramatisieren“, sagte Meister. „Die EZB muss in ihren geldpolitischen Entscheidungen den gesamten Euro-Raum im Blick haben und nicht nur ein einziges Teilgebiet.“ Er betonte, dass die EZB im Rahmen ihrer Unabhängigkeit selbst einschätzen müsse, ob für die Gesamtwirkung in der Euro-Zone eine Zinssenkung besser sei.

Überraschend kommt die Entscheidung der EZB nicht: Im EZB-Schattenrat, einem vom Handelsblatt initiierten Expertengremium, hatte sich im Vorfeld der Sitzung bereits die Mehrheit der Ökonomen für eine Zinssenkung um 50 Basispunkte ausgesprochen.  Auch prominente Notenbanker hatten ihre Unterstützung für Zinssenkungen signalisiert. EZB-Vizepräsident Vitor Constacio etwa sagte: „Wir haben noch etwas Spielraum, um Entscheidungen zu treffen.“

Sogar Bundesbank-Chef Jens Weidmann ließ eine Hintertür offen. „Wir können die Zinsen anpassen, wenn neue Informationen vorliegen“, hatte er in einem Interview gesagt. Christian Schulz, Ökonom der Berenberg Bank, ist sich sicher: „Das hätte Weidmann so vor zwei oder drei Monaten nicht gesagt.“ 

131 Kommentare

Alle Kommentare lesen
  • 08.05.2013, 08:04 Uhrwomen

    Der Witz des Tages: Draghi droht den Banken ***LOL***

  • 03.05.2013, 14:34 UhrFrank3

    man sollte WENIGSTENS WAHRHEIT WISSEN :

    http://www.youtube.com/watch?v=9a39Zo2rt8A

    Frank Frädrich

  • 03.05.2013, 10:12 UhrShadhajuuhpioky

    Warum bezeichne ich die AfD als Populistisch? In einem globalen Kapitalismus, welcher bei Leibe nicht "erfunden" wurde um menschliche Wärme zu schaffen und dessen Elemente (Geld) höchst unerfreuliche Eigendynamiken entwickelt hat, steht nun dieses Europa. Da steht es nun, etwas wackelig zwar, aber steht, so. Alle Fehler die sich ALLEIN aus dem knochenbrecherischen (tut mir leid ich muss es beim Namen nennen) Kapitalismus ergeben, werden 1 zu 1 und unter Ausschluß aller andren Variablen der EU-Politik aufgedrückt... Darum Populismus..möchte mich hier nicht ergiessen, aber gerade die EU dämpft entgegen der AfD Haltung das Gröbste Übel, den der (inhumane, es gibt auch den humanen) Kapitalismus über die Welt legte..

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