
FrankfurtBundesbank-Präsident Jens Weidmann plädiert für eine öffentliche Debatte um den richtigen geldpolitischen Kurs in der Euro-Schuldenkrise. Es sei wichtig, „dass sich Notenbanker, die ein öffentliches Gut verwalten - stabiles Geld – auch öffentlich rechtfertigen“, sagte Weidmann am Dienstag laut Redetext in Frankfurt.
Weidmann eröffnete das Kolloquium des Instituts für bankhistorische Forschung (IBF) mit der Forderungen nach mehr Information und Transparenz. „Der beste Schutz gegen die Versuchungen in der Geldpolitik ist eine aufgeklärte und stabilitätsorientierte Gesellschaft.“
Weidmann stemmt sich vehement gegen Staatsanleihenkäufe durch die Europäische Zentralbank (EZB). Die EZB hatte vor knapp zwei Wochen beschlossen, notfalls unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten wie Spanien und Italien zu kaufen, um so deren Zinslast zu drücken. Weidmann wurde von EZB-Präsident Mario Draghi als einziger Gegner des Programms öffentlich gemacht. Für Weidmann sind Anleihenkäufe zu nah an einer verbotenen Staatsfinanzierung mit Hilfe der Notenpresse.
Die Unabhängigkeit der Notenbanken diene „im Kern dazu, glaubwürdig sicherzustellen, dass sich die Geldpolitik ungehindert darauf konzentrieren kann, den Geldwert stabil zu halten“, sagte der Bundesbank-Präsident. „Durch den staatlichen Zugriff auf die Notenbank in Verbindung mit großem staatlichem Finanzbedarf wurde die Geldmenge jedoch häufig zu stark ausgeweitet, das Ergebnis war Geldentwertung durch Inflation.“
Die EZB hatte im Mai 2010 nach einem Wochenende hektischer Rettungsaktionen der Euro-Staaten für Griechenland spontan ein Anleihekaufprogramm beschlossen. Die Konditionen des „Securities Market Programme (SMP)“ blieben weitgehend im Dunkeln. Die EZB gab lediglich im Nachhinein wöchentlich bekannt, welche Summen an Staatspapieren aus dem Markt genommen wurden, ohne dabei die Länder zu nennen. Zu beobachten war im Handel aber, dass die Zentralbank zunächst Griechenland und dann Irland und Portugal stützte, die unter den Rettungsschirm EFSF geschlüpft waren. Im Sommer 2011 folgten Spanien und Italien. Das Interventionsvolumen von SMP beläuft sich auf 209 Milliarden Euro.
So wie unter dem alten Programm nennt die EZB unter dem neuen Plan namens OMT („Outright Monetary Transactions“) vorab keine Summe über mögliche Anleihekäufe. Mit dem Verzicht auf ein Limit signalisiert die Zentralbank, dass sie einen langen Atem hat. Die Notenbank will sich bei den Laufzeiten der betroffenen Staatspapiere auf eine Spanne von einem Jahr bis drei Jahren beschränken. Begründet wird das mit dem Ziel des Programms: Der EZB geht es nicht darum, die Anleihezinsen zu drücken, um den Regierungen die Staatsfinanzierung zu verbilligen.
Sie begründet ihr Eingreifen damit, dass die hohen Zinsen auf Staatspapiere indirekt die Kreditzinsen für die Verbraucher nach oben treiben. Der rekordtiefe Leitzins der Notenbank von 0,75 Prozent komme bei den Bankkunden nicht an. Die Übertragung der auf stabile Preise zielenden Geldpolitik sei damit gestört. Als Zeitraum für das Durchwirken der Leitzinsen auf die Marktzinsen veranschlagt die Zentralbank etwa drei Jahre.
Als Lehre aus der Hilfsaktion für Italien will die EZB in Zukunft nur den Ländern unter die Arme greifen, die den Rettungsfonds EFSF und seinen Nachfolger ESM um Hilfe bitten. Es kann sich dabei um ein umfangreiches Hilfsprogramm zu Staatsfinanzierung handeln oder um vorbeugende Kreditlinien bei ersten Finanzierungsengpässen. Die Regierungen müssen sich als Gegenleistung zu einem strikten Spar- und Reformprogramm verpflichten. Im vergangenen Jahr hatte die italienische Regierung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi die Reformbemühungen gedrosselt, als die Zinsen dank EZB-Anleihekäufen sanken. Die EZB wird künftig im Nachhinein bekanntgeben, von welchen Ländern sie Staatsanleihen gekauft hat.
Bisher genoss die EZB einen bevorzugten Gläubigerstatus. Damit würde die Notenbank bei einem Ausfall von Anleihen entschädigt, während viele Privatanleger Verluste hinnehmen müssen. Das wirkt abschreckend auf private Anleihekäufer und erschwert die angestrebte Entspannung bei den Zinsen. Die EZB will deshalb künftig auf das Privileg verzichten. Sie muss deshalb so wie die beteiligten nationalen Notenbanken im Pleitefall Verluste hinnehmen.
Wie bisher will die EZB verhindern, dass durch den Aufkauf von Staatsanleihen die Geldmenge wächst, weil den bisherigen Besitzern der Anleihen frisches Geld zufließt. Die Notenbank erreicht das, indem sie die Anleihekäufe neutralisiert. Über ihre Geldmarktgeschäfte entzieht die EZB den Banken das Geld, das sie zuvor für Staatsanleihen neu geschaffen hat.
Mit der Forderung nach mehr Offenheit weiß Weidmann auch das eigene Institut hinter sich. In der Debatte über die Geheimniskrämerei der Europäischen Zentralbank hatte die Bundesbank am Montag für mehr Transparenz geworben. "Wir hätten kein Problem mit einer zeitnahen Veröffentlichung der Protokolle", versicherte ein Sprecher der Bundesbank.

@azaziel
Berechnungen zufolge könnte eine solches "Gewitter" mal locker seine 20 Jahre dauern, also 10 Jahre hinein, 10 Jahre heraus. Das wird kein Spaß, für niemanden auf dieser Welt. Auch Kriege sind nicht ausgeschlossen. Aber egal was versucht wird, ohne Gewitter wird es nicht gehen. Das zeigt immer wieder die Geschichte der Menschheit.

@Scratchpatch
"Nur so haben wir die Möglichkeit, uns eine eigene Meinung zu bilden.
Weidmann macht also eigentlich nicht nur seinen Job und steht für Preisstabilität, sondern er leistet auch einen ungemein wichtigen Beitrag zur Demokratie"
Hervorragend formuliert - wirklich. Aber nicht ueberall scheint Demokratie ausserhalb der kurzen Augenblicke vor und in der Wahlurne erwuenscht. Wenn anders, dann wuerden die Politiker viel oefter das Volk um seine Meinung fragen und danach handeln.
Wir haben letztlich doch noch eine Demokratie - den Lobbyismus.

<Bundesbank-Präsident Jens Weidmann plädiert für eine öffentliche Debatte um den richtigen geldpolitischen Kurs in der Euro-Schuldenkrise. Es sei wichtig, „dass sich Notenbanker, die ein öffentliches Gut verwalten - stabiles Geld – auch öffentlich rechtfertigen“, sagte Weidmann am Dienstag laut Redetext in Frankfurt.>
Bravo Herr Weidmann, so ist es. Und den Bürgern schadet es auch nicht, wenn sie an Stelle der abendlichen Koch- und Krimiserien wieder lernen, sich mit diesen Themen zu beschäftigen. Die Politik und die Bürger haben sich immer weiter voneinander entfernt. Das muss sich ändern.
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