Geldpolitik

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Milliarden-Transport per Flugzeug: EZB schickt Bargeld aus Deutschland nach Zypern

exklusivNach langer Zwangspause haben die Banken auf Zypern wieder geöffnet. Um die Bargeld-Nachfrage der Zyprer zu decken, hat die Bundesbank ausgeholfen. Mit einem Flugzeug der Lufthansa wurde Bargeld nach Zypern gebracht.

FrankfurtDas Bargeld, mit dem die Notenbank Zyperns am späten Mittwochabend ausgestattet worden ist, stammte aus dem bei der Bundesbank gelagerten Bargeldbestand der Europäischen Zentralbank (EZB). Das erfuhr das Handelsblatt aus mit dem Vorgang vertrauten Kreisen. Das Bargeld – es soll sich um fünf Milliarden Euro handeln – sei mit einem Flugzeug der Lufthansa von Frankfurt nach Zypern geflogen worden. „Die Banknoten kommen von den logistischen Reserven der EZB, die von der Bundesbank im Auftrag von der EZB gelagert wurden“, sagte ein Sprecher der EZB auf Anfrage dem Handelsblatt.

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Die Europäische Zentralbank (EZB) selbst lagert kein Bargeld. Sie hat den Transport des Bargeldes von der deutschen Notenbank zu der zypriotischen Notenbank koordiniert. Die genaue Summe hat die EZB auf Anfrage nicht bestätigt. Die „Größenordnung“ sei aber korrekt, sagte ein Sprecher. So lange das Bargeld im Besitz einer Zentralbank ist, wird es nicht als Geld gebucht. Die Kosten werden intern im Eurosystem verrechnet. Sobald die Banknoten eine Zentralbank verlassen und in den Besitz einer Geschäftsbank übergehen, werden sie auf der Passivseite der Bilanz der Zentralbank verbucht, und gleichzeitig das Konto der Geschäftsbank mit dem gleichen Betrag belastet.

Das Hilfspaket in Kürze

  • Anlegerschutz

    Im Gegensatz zur ursprünglichen Fassung der Abmachung von Mitte März werden Konten mit Guthaben von weniger als 100 000 Euro nicht angerührt. Die geplante generelle Zwangsabgabe auf Konten entfällt.

  • Endgültige Abmachung

    Sie soll im April stehen. Zuvor müssen nationale Parlamente wie in Deutschland noch zustimmen. Die ersten Auszahlungen aus dem europäischen Rettungsschirm ESM soll es dann im Mai geben.

  • Umfang

    Die Finanzhilfen der Geldgeber umfassen bis zu zehn Milliarden Euro. Der Internationale Währungsfonds will sich beteiligen, eine Summe steht noch nicht fest. Im Gespräch ist rund eine Milliarde Euro.

  • Zyprische Banken

    Zypern sichert zu, sein aufgeblähtes Bankensystem zu sanieren und deutlich zu verkleinern. Die zweitgrößte Bank Laiki wird abgewickelt. Der Branchenprimus Bank of Cyprus wird zurechtgestutzt und übernimmt den überlebensfähigen Teil von Laiki.

Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen waren in der Nacht Lastwagen mit großen Bargeldbeständen auf den Hof der Zentralbank gerollt. Ein Hubschrauber kreiste über dem Gebäude, während bewaffnete Polizisten vor dem Gebäude patrouillierten. Insgesamt sieben Tage lang sollen strikte Kontrollen der Kapitalströme auf der Insel verhindern, dass Kunden aus Panik massenhaft Geld außer Landes schaffen.

Zu einem sogenannten „Bank Run“ war es in der Geschichte bisher stets dann gekommen, wenn die Sparer das Vertrauen in ihre Bank oder das ganze Bankensystem verloren. Zum Beispiel sahen in der Weltwirtschaftskrise vor mehr als 80 Jahren viele ihre Gelder bei den Banken nicht mehr als sicher an. Sie wollten daher alle gleichzeitig ihre Guthaben abheben; vor den Schaltern bildeten sich lange Schlangen.

Zehn Fakten zum Inselstaat Wie gut kennen Sie Zypern?

Zypern? Kleine Insel, Steuerparadies, steckt gerade tief in der Krise, klar. Aber was wissen Sie noch über den Pleite-Staat? Kleiner Tipp: Der Zypern-Report Ihres Anlageberaters wird Ihnen bei diesem Quiz wenig helfen.

Sind die Banken nicht darauf vorbereitet, dann kann es zu Geldengpässen kommen oder im äußersten Fall zum Zusammenbruch. Banken halten nur begrenzt Bargeld vor. Denn die Banken arbeiten mit dem Geld der Anleger, legen es an und verleihen es weiter, damit es Zinserträge bringt.

Der befürchtete Massen-Ansturm verunsicherter Sparer und Anleger, blieb am Donnerstag zunächst jedoch aus. In den ersten Stunden nach der Wiederöffnung der Banken in dem Euro-Inselstaat nach fast zweiwöchiger Zwangspause fielen die Schlangen vor den Filialen der Geldhäuser übersichtlich, aber etwas länger als in normalen Zeiten aus.

Eine Chronologie der Zypern-Krise

  • 25. Juni 2012:

    Zypern bittet die Eurozone um Hilfe, nachdem zwei große Banken im Fahrwasser der Griechenland-Krise Verluste von zusammen 4,5 Milliarden Euro erlitten.

  • 1. Juli:

    Ungeachtet der Krise übernimmt Zypern für ein halbes Jahr die EU-Ratspräsidentschaft.

  • 8. Oktober:

    Die EU drängt Zypern, einem Rettungsplan der Troika aus EU, Internationalem Währungsfonds (IWF) und Europäischer Zentralbank (EZB) zuzustimmen. Dieser sieht Gehaltskürzungen im öffentlichen Dienst sowie eine Erhöhung der Mehrwertsteuer vor. Die Verhandlungen mit der regierenden Linkspartei Akel ziehen sich aber hin.

  • 3. November:

    Der "Spiegel" meldet unter Berufung auf einen Bericht des Bundesnachrichtendienstes, dass eine Rettungsaktion für Zypern vor allem Inhabern russischer Schwarzgeld-Konten nutzen würde. Russische Staatsbürger hätten bei zyprischen Banken 26 Milliarden Dollar (20,1 Milliarden Euro) gebunkert.

  • 22. November:

    Die zyprische Regierung beziffert den Finanzbedarf des Landes auf rund 17 Milliarden Euro.

  • 11. Januar 2013:

    Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) drängt Zypern bei einem Besuch auf der Mittelmeerinsel zu Reformen.

  • 24. Februar:

    Der als Sparkurs-Befürworter geltende Konservative Nikos Anastasiades wird zum neuen Präsidenten Zyperns gewählt.

  • 4. März:

    Angesichts anhaltender Vorwürfe der Europartner, ein Paradies für Geldwäsche zu sein, stimmt Nikosia einer unabhängigen Prüfung der Finanzströme auf die Insel zu.

  • 16. März:

    Die Finanzminister der Eurozone und der IWF wollen Zypern mit bis zu zehn Milliarden Euro unterstützen. Die Differenz zu den ursprünglich verlangten rund 17 Milliarden Euro muss Nikosia durch höhere Staatseinnahmen aufbringen, etwa durch Privatisierungen und eine Anhebung der Unternehmenssteuer, vor allem aber durch eine Abgabe auf Bankeinlagen, die insgesamt 5,8 Milliarden Euro bringen soll.

  • 18. März:

    Unter öffentlichem Druck kündigt Nikosia an, das Rettungspaket zugunsten der Kleinanleger neu zu verhandeln. Die Banken bleiben vorerst geschlossen, um panikartige Abhebungen von den Konten zu verhindern. Die Eurozone fordert Nikosia am Abend auf, "Einlagen unter 100.000 Euro vollkommen zu garantieren".

  • 19. März:

    Die zyprische Regierung beschließt, Bankeinlagen von unter 20.000 Euro von der Zwangsabgabe auszunehmen. Dennoch fällt das Rettungspaket am Abend im Parlament durch - es gibt keine einzige Ja-Stimme. Vor dem Parlament jubeln tausende Menschen nach der Ablehnung.

  • 20. März:

    Zyperns Finanzminister Michalis Sarris verhandelt in Moskau über mögliche russische Hilfen, die Verhandlungen führen aber zu keinem Ergebnis. Die einflussreiche Orthodoxe Kirche auf Zypern bietet ihre Hilfe an: Sie will der Regierung ihr Vermögen zur Verfügung stellen.

  • 21. März:

    Zypern will anstelle der Zwangsabgabe auf Bankguthaben einen eigenen Rettungsfonds einrichten. Die EZB erhöht den Druck auf das Land: Sie erklärt, die zyprischen Banken ohne internationalen Rettungsplan nur noch bis zum 25. März mit Notkrediten zu stützen.

  • 22. März:

    Merkel warnt Zypern davor, die Geduld der Eurostaaten auszureizen. Am Abend stimmt das zyprische Parlament ersten Maßnahmen eines neuen Rettungsplans zu, darunter einem Gesetz zur Bankensanierung und der Einrichtung eines nationalen Solidaritätsfonds.

  • 23. März:

    Zyprische Medien berichten über eine Einigung zwischen zyprischer Regierung und Troika auf ein Konzept für die umstrittene Zwangsabgabe auf Bankguthaben.

  • 24. März:

    Der zyprische Präsident Anastasiades reist zu Verhandlungen nach Brüssel, wo auch die Euro-Finanzminister zusammenkommen. In der Nacht zum 25. März stimmen die Euro-Finanzminister dem Rettungspaket zu.

  • 25. März:

    Nach einem dramatischen Verhandlungsmarathon in Brüssel einigen sich Euro-Staaten, Internationaler Währungsfonds und Zyperns Regierung auf ein Hilfsprogramm von 10 Milliarden Euro. Großanleger müssen sich auf Verluste einstellen. Einlagen unter 100.000 Euro bleiben jedoch unangetastet.

  • 28. März:

    Erstmals seit fast zwei Wochen öffnen die Banken wieder. Allerdings gibt es für Abhebungen und den Zahlungsverkehr strenge Beschränkungen.

Der zyprische Präsident Nikos Anastasiades dankte der Bevölkerung für ihr "besonnenes" Verhalten während der zwölftägigen Bankenschließung. "Ich möchte den Zyprern für die Reife und Besonnenheit danken, die sie in den Beziehungen zu den Banken an den Tag gelegt haben", erklärte Anastasiades am Donnerstag über den Kurznachrichtendienst Twitter in Griechisch und Englisch. Das Präsidialamt rühmte in einer in Nikosia verbreiteten Erklärung das "große Verantwortungsbewusstsein" der Zyprer.

Mit Material von Reuters und AFP

  • 28.03.2013, 15:47 Uhrpappalapapp

    Noch nicht mal das bekommen die zypriotischen Banken geregelt. Überall muß die BRD aushelfen, sogar beim Helfen, Arbeiten, Organisieren und Ausführen.
    Ein Trauerspiel, welch Unvermögen dort existiert.
    Hauptsache lustig ist deren Mentalität.

  • 28.03.2013, 15:49 UhrJannemann

    Aus welchem Programm diese neuerlichen 5 Milliarden aber nun kommen, weiß niemand. Wieder mal ELA "Notkredite"? Gehören sie zu den 10 Milliarden EU-Geldern? Handelt es sich um die über 10 Milliarden hinausgehenden Summen, die die EZB in typisch italienischer Art und Weise ausschüttet? Seit Dragi ist die EZB nicht mehr besser als die Cosa Nostra.

  • 28.03.2013, 15:50 UhrSchneewittchen

    Hätte man mir das nicht früher sagen können. Mein Team und ich hätten schon ein paar Laster gekapert. Ein bissl Kleingeld mehr kann ja niemals schaden.

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