Geldpolitische Strategie
Notenbank riskiert ihren Ruf

Fast könnte man meinen, es gäbe in der Europäischen Zentralbank (EZB) jemanden mit einer versteckten Agenda, der es darauf anlegt, ihre geldpolitische Strategie zu Fall zu bringen. Dann hätte er den ersten Teil der wissenschaftlichen Konferenz der EZB am vergangenen Donnerstag nicht besser inszenieren können. Denn Teile der Strategie der EZB wurden dem Erdboden gleich gemacht.

FRANKFURT. Die Kommentare bei dem anschließenden Empfang trafen die Stimmung: „Die EZB kann ihre monetäre Säule doch nur noch sterben lassen“, oder: „die können doch nur noch versuchen, ihr Gesicht zu wahren und die monetäre Säule zu begraben.“ Es fällt leichter, an eine Verschwörung zu glauben als zu denken, die EZB habe es dazu aus bloßem Unvermögen kommen lassen.

Erst vor wenigen Monaten hatten die internationalen Größen der Geldpolitik der EZB bei einem Kolloquium in Frankfurt reihenweise bestätigt, wie gut ihre Zwei-Säulen-Strategie sei. Im Rahmen der ersten Säule, der „wirtschaftlichen Analyse“, untersucht die EZB reale Indikatoren auf kurzfristige Inflationsrisiken hin. Mit der zweiten Säule, der „monetären Analyse“, räumt die EZB dem Geld eine wichtige Rolle ein. Dabei geht es um die längerfristigen Inflationsrisiken, die sich aus Geldmenge und Krediten ergeben. Jahre lang stand das Zwei-Säulen-Konzept in heftiger Kritik. Seit März schien es endlich akzeptiert zu werden. Es war das Ressort Research, das die diesjährige Forschungskonferenz ausgerichtet hatte und die monetäre Säule in so kurzem Abstand erneut auf den Prüfstand stellte. Verantwortlich war EZB-Vize Lucas Papademos. Mit dem Ausscheiden von Ex-Chefvolkswirt Otmar Issing waren im Direktorium die Zuständigkeiten für Research und Volkswirtschaft auf ihn und Jürgen Stark aufgeteilt worden. Bundesbankpräsident Axel Weber, der die Konferenz erst am Freitag besuchte, reagierte ungehalten auf die Themenwahl: „Es ist doch wirklich interessant, dass hier über die Strategie diskutiert wird, während sie im EZB-Rat in keiner Weise ein Thema ist.“ Nun wäre auch gegen das Thema nichts einzuwenden gewesen, wenn die EZB darauf vorbereitet gewesen wäre. Das war sie aber nicht.

Auf der Grundlage umfänglicher ökonometrischer Modelle erklärten mehrere Wissenschaftler hintereinander, dass Geld für die Geldpolitik gar keine Rolle spiele. Weder der theoretische noch der empirische Befund „lege zwingend nahe, monetären Aggregaten in der Geldpolitik eine besondere Rolle zuzuweisen“, sagte etwa Michael Woodford, Professor an der Columbia University. Harald Uhlig von der Humboldt Universität stimmte zu: „Die zweite Säule bringt nichts.“ Ben Friedman von Harvard kritisierte, dass die EZB Geld stillschweigend eine prominente Rolle zuweise. Entscheidend sei der empirische Befund.

Den lieferte die Generaldirektorin des EZB-Research, Lucrezia Reichlin. Und der war niederschmetternd. Reichlin präsentierte ein Papier des Stabs zur Bedeutung der monetären Analyse für die praktische Geldpolitik von 1999 bis 2006. Fazit: Über lange Zeiträume hat die zweite Säule dabei so gut wie gar keine Rolle gespielt. Und: Die Geldnachfrage, die Voraussetzung für einen verlässlichen Zusammenhang von Geld und Inflation, ist instabil. „Wir müssen sehen, was das für die künftige Geldpolitik für eine Bedeutung hat“, sagte Reichlin.

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