Geldpolitisches Tabu
Mehr Inflation wagen?

Notenbanker geben der Inflation keine Chance, für sie sind stabile Preise das mit Abstand beste, was Zentralbanken für die Wirtschaft tun können. Nun rütteln zwei neue Studien an einem geldpolitischen Tabu: Sollten die Notenbanken im Kampf gegen die Wirtschaftskrise vorübergehend mehr Inflation anstreben?
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LONDON. Ben Bernanke tut es, Jean-Claude Trichet tut es, und Axel Weber tut es sowieso. Unisono und bei jeder sich bietenden Gelegenheit versichern sämtliche Notenbanker: Die Inflation hat keine Chance. Bei den ersten Anzeichen von höherer Geldentwertung seien die Zeiten des billigen Geldes zu Ende. Damit folgen sie einer eisernen Regel der Geldpolitik.

Aber gilt dieser Grundsatz auch in der tiefsten Wirtschaftskrise seit der Großen Depression? Daniel Leigh, ein Volkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), meldet in einer neuen Studie nachhaltige Zweifel an. Aggressive Zinssenkungen, so stellt er fest, reichen in einer Krise wie dieser möglicherweise nicht aus, um der Probleme Herr zu werden. Um das Risiko einer Deflation zu verringern, kann es sinnvoll sein, dass die Zentralbanken vorübergehend etwas mehr Inflation zulassen. Mit solch einer Politik, so das Ergebnis der Studie, hätten die japanische Notenbanken in den 90er-Jahren die Deflation verhindern und die Wachstumseinbußen halbieren können.

Die Lehren aus der Japan-Krise

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt war 1990 nach dem Platzen der Immobilienblase in eine Langzeitkrise gerutscht: die Wirtschaftsleistung schrumpfte, die Preise fielen, die Arbeitslosigkeit stieg. Insgesamt kostete die Krise Japan 22 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Viele Ökonomen sehen das „verlorene Jahrzehnt“ in Japan als Menetekel für das, was im Zuge der aktuellen Krise auf die westlichen Industrieländer zukommen könnte. Besonders fürchten sie sich vor der „Liquiditätsfalle“, – einer Situation, in der die Leitzinsen bei Null angekommen sind, die Verbraucherpreise fallen und die Investitionen nicht in Gang kommen.

Daniel Leigh ist der Frage nachgegangen, wie die japanische Zentralbank die Liquiditätsfalle hätte verhindern können, und was die heutige Geldpolitik aus den Erfahrungen von damals lernen kann. Basis seiner Simulationsrechnungen ist ein makroökonomisches Modell, wie es in allen führenden Notenbanken der Welt üblich ist und das die tatsächliche wirtschaftliche Entwicklung Japans in den 90er-Jahren gut erklären kann.

Zwei Dinge, so das Ergebnis des IWF-Ökonomen, hätte die Bank of Japan anders machen müssen: Sie hätte die Leitzinsen deutlich schneller und entschiedener senken sollen. Gleichzeitig hätte sie ihr Inflationsziel anheben sollen.

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  • Wer sich im Volk umhört, weiß, dass es längst eine inflationserwartung in Deutschland und Europa gibt. Da muss die Zentralbank gar nichts mehr zusätzlich machen.

  • Haben die Herren Experten eigentlich schonmal was vom Crack Up boom gehört? Gerade in so einer Krise ist doch das Vertrauen in die Papiergeldwährung eine äußerst fragile Sache. Wenn man nun auch noch OFFEN höhere inflation anstrebt als eh schon zu erwarten ist, untergräbt man dieses Vertrauen vollends. Wir HATTEN ja schon die ersten bank Runs in Europa!

    ich kann nur für mich sprechen: Sollten 2-stellige inflationsraten in Aussicht kommen, werde ich jeden Cent in Sachwerte umschichten - Gold, Aktien, Ackerland - zur Not kaufe ich einen Keller voll Zigaretten und Schnaps. Sollen die Notenbanker künftig von mir aus unter der brücke schlafen - können sich ja dann mit ihren Staatsanleihen zudecken.

  • im Sommer 2008 lagen die tatsächlichen inflationsraten im Euro-Raum und in den USA bei 4% und 5%. Damals hätte nicht nur der Absturz in die Deflation, den wir seither erleben von den Notenbanken verhindert werden können, sondern auch die Ausweitung der Staatsschulden und der Geldmenge vermieden werden können, wenn die Notenbanken sich öffentlich zu höheren inflationsraten bekannt hätten, als sie sie seit 2003 anstreben. Damals bekannten sie sich zur Notwendigkeit eines Sicherheitsabstandes oder einer Pufferzone zur Deflaton. Die EZb legte sich im Mai 2003 auf ein inflationsziel von "unter, aber nahe 2%" auch numerisch fest. Schon damals vertrat ich die Meinung, das inflationsziel müsse mindestens doppelt so hoch sein, um hinreichend schock-resistent zu wirken.
    Mir ist sehr bewusst, dass es für die Notenbanken einen schwieriger Politikwechsel wäre, sich zu höheren inflationszielen zu bekennen, aber die Kosten denkbarer anderer Wirtschaftspolitik sind viel teurer - die Wachstumsverluste noch gar nicht mitveranschlagt. Man sollte nüchtern abwägen und dabei in Rechnung stellen, dass stabile inflationsraten, auf die alle ihr ökonomisches Verhalten einstellen können, weit weniger schädlich sind, als die Schwankungen der Geldentwertungsraten, die wir jetzt wieder erleben, weil die bisher angestrebten inflationsziele, wie sich jetzt zeigt, nicht auf Dauer eingehalten werden können, weil sie zu niedrig sind.
    Eckhard behrens, www.Ebehrens.de

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