Gemeinschaftsdiagnose
Konjunkturforscher schmieden Allianzen

Die Neuausrichtung der Frühjahrs- und Herbstgutachten wirbelt die Landschaft der Wirtschaftsforschungsinstitute gehörig durcheinander: Um ihre Chancen für die Teilnahme an der Gemeinschaftsdiagnose (GD) zu erhöhen, gehen einige Wirtschaftsforschungsinstitute ungewohnte Allianzen ein.

DÜSSELDORF. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) gaben am Mittwoch bekannt, als Konsortium beim Bundeswirtschaftsministerium ihr Interesse an der GD-Teilnahme bekundet zu haben. „Unsere drei Institute bilden ein Konsortium der Kompetenz und der Pluralität“, sagte Gustav Horn, Wissenschaftlicher Direktor des IMK. Als ein „Konsortium der Kompetenz und wirtschaftspolitischen Breite“, bezeichnete Udo Ludwig, Konjunkturchef des IWH, den Zusammenschluss.

Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat sich mit einem Partner, dem Zentrum für Euopäische Wirtschaftsforschung (ZEW), beworben, bestätigten beide Institutsleiter dem Handelsblatt. Das DIW ist durchgehend seit der ersten GD 1950 beteiligt, für das ZEW wäre es die erste Teilnahme.

„Wir haben keinerlei Erfahrung als Konjunkturprognostiker – da jeder Bieter alles können muss, hätte eine alleinige Bewerbung keinen Sinn gehabt“, sagt ZEW-Chef Wolfgang Franz. Die Stärke seines Institutes liege in der mittelfristigen Analyse der Wachstumsaussichten und des Finanzmarktes sowie internationalen Steuerbelastungsvergleichen.

Dass das DIW sich nicht wie bislang allein beworben hat, sieht Institutsleiter Klaus Zimmermann „keinesfalls als Zeichen der Schwäche“. Im Gegenteil: „Wir sind zusammen so stark, dass man an uns nicht vorbeikommen wird.“ Zudem verspricht sich Zimmermann, der auch Chef des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) ist, einen Vorteil davon, dass ZEW-Chef Franz Mitglied des Sachverständigenrates ist. „Die Verzahnung mit den Wirtschaftsweisen kann nie von Nachteil sein“, sagte er.

Ausschlaggebend war massive Kritik

Das Münchner Ifo-Institut will mit der Schweizerischen Konjunkturforschungsstelle KOF an der GD teilnehmen, erfuhr das Handelsblatt aus Institutskreisen. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) aus Essen hat sich „vorbehalten, eine Kooperation einzugehen“, sagte Konjunkturchef Roland Döhrn dem Handelsblatt. Das traditionsreiche Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) hat sich alleine beworben. Das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) dagegen hat sich nicht an der Ausschreibung beteiligt.

Das Bundeswirtschaftsministerium hatte kürzlich die Ausschreibungsbedingungen für die Gutachten umgekrempelt, um den Wettbewerb unter den Instituten zu erhöhen. Seit der ersten GD waren stets nahezu die selben Institute beteiligt; die jährlichen Ausschreibungen galten als reine Formsache.

Künftig können sich für die halbjährlichen Gutachten auch ausländische Institute bewerben. Die Bewerbungsfrist lief vergangene Woche ab; Anfang Mai will die Regierung einzelne Institute um konkrete Angebote bitten und dann vier Bewerber auswählen. Die Konsortien gelten jeweils als ein Bewerber. Im Falle von Bietergemeinschaften sei jeweils ein federführender Vertrags- und Ansprechpartner zu benennen, heißt es in der Ausschreibung. „Die Bearbeitung der GD nur durch eine Bietergemeinschaft ist ausgeschlossen.“

Das Bekanntwerden einzelner Konsortien löste in Institutskreisen Spekulationen über denkbare Konstellationen aus. Einen „politisch höchst komplizierten Abwägungsprozes“ erwartet DIW-Chef Klaus Zimmermann. Denn wenn das gewerkschaftsnahe IMK den Zuschlag erhalte, müsse auch das arbeitgebernahe IW hinzugezogen werden – und umgekehrt. „Erhielten beide den Zuschlag, wäre aber genau das Ziel der GD, einen Ratschlag mit einer Stimme zu erteilen, in weite Ferne gerückt.“ Den denkbaren Fall, dass bis zu acht Institute an der GD teilnehmen könnten, schreckt ZEW-Chef Franz: „Das könnte zu schwierigen Abstimmungsprozessen führen.“

Ausschlaggebend für den Umbau der Ausschreibungen war eine massive Kritik an der Arbeit der Institute, speziell an ihren Konjunkturprognosen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte erhebliche Schwankungen zwischen Frühjahrs- und Herbstprognosen kritisiert. In Zukunft will die Regierung unmittelbar nach Veröffentlichung des Gutachtens Einzelheiten mit den Instituten erörtern und etwa eine Woche später ihre eigene Projektion vorlegen. Von der zeitlichen Abfolge verspricht sie sich eine bessere Fundierung.

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