Gemeinschaftsgutachten der Wirtschaftsforscher
Das Überraschungsei der Institute

Der Finanzminister hat schon anrufen lassen. Der Wirtschaftsminister ebenfalls. Damit das Gutachten der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute des Landes bei diesem Mal etwas gefälliger wird als in der Vergangenheit. Schließlich geht es um viel.

HB DÜSSELDORF/HALLE. Schon lange vor der Präsentation des Gutachtens in der Bundespressekonferenz ist klar, dass es zur umstrittensten wirtschaftspolitischen Frage des Jahres Stellung nimmt. Und dass einige Ökonomen mit der Regierung hart ins Gericht gehen werden – obwohl die doch das Gutachten bezahlt. Aber die Volkswirte bleiben eisern: „Bei der Gemeinschaftsdiagnose haben die Minister nichts zu sagen“, sagt einer von ihnen.

Das war 1968. Damals war Karl Schiller Wirtschaftsminister, Franz Josef Strauß Finanzminister. Sie stemmten sich gegen die Aufwertung der D-Mark, zumindest einige Volkswirte waren dafür – allen voran Bernhard Filusch, Konjunkturchef des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen.

Halle an der Saale, Sachsen-Anhalt, Kleine Märkerstraße Nummer 8, 36 Jahre später im Oktober: Hinter der gelb gestrichenen Backsteinfassade des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) sitzen drei Dutzend Ökonomen und brüten über der 108. „Gemeinschaftsdiagnose zur Lage der Weltwirtschaft und der deutschen Wirtschaft“.

Niemand darf zusehen, niemand lauschen. Papiermüll wird geschreddert. Eiserne Verschwiegenheit ist Gesetz – und zwar so lange, bis die etwa 100-seitige Gemeinschaftsdiagnose (GD) morgen in Berlin präsentiert wird. Heute geht das Papier per E-Mail als Pdf-Datei von Halle gen Berlin. Nie war das geheimbündlerische Ritual umstrittener als im Herbst 2004 – zumal übers Wochenende die Wachstumsprognose trotzdem durchsickerte.

Eine Querstraße von ihrer Klausur im IWH entfernt, können die Konjunkturexperten die Schwächen von Deutschlands Volkswirtschaft besichtigen. Auf der Leipziger Straße mühen sich C&A, Pizza-Hut und Vodafone um die konsumunwilligen Verbraucher. Vor der Marienkirche mit ihren vier Türmen riecht es nach Teer und Diesel. Bauarbeiter beseitigen weitere Spuren von 40 Jahren Planwirtschaft.

Und so geht es drinnen zu: In der ersten Woche des Konklaves bereiten an die 40 Mitarbeiter aus den sechs Instituten in mehreren Arbeitsgruppen die Grundlagen der Diagnose vor. In der zweiten Woche beugen sich nur noch die sechs Konjunkturchefs mit jeweils einem Assistenten über das Gutachten und die wirtschaftspolitischen Empfehlungen. „Am Ende wird um jeden Halbsatz gerungen“, erzählt ein Volkswirt, der bis vor kurzem stets mit von der Partie war.

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