Geschrumpftes Wachstumspotenzial
EZB-Rat stochert im Nebel

Die Finanzkrise hat die Unsicherheit für die Geldpolitik erheblich ansteigen lassen und erschwert damit die Zinspolitik. Sowohl für den Euro-Raum als auch für Deutschland müssen sich die Währungshüter aber darauf einstellen, dass die Inflation früher anziehen wird als in den Vorjahren.
  • 0

FRANKFURT. Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, war entwaffnend ehrlich. Der EZB-Rat kenne die Wachstumsrate nicht, bis zu der die Wirtschaft des Euro-Raums inflationsfrei wachsen könne, sagte der EZB-Chef zuletzt. Er stimme aber mit der Mehrheit der Ökonomen überein, die davon ausgingen, dass diese Wachstumsrate in der industrialisierten Welt infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise erheblich gesunken sei. Das heißt im Klartext: Durch die Krise hat die Unsicherheit für die Geldpolitik erheblich zugenommen. „Wenn die Notenbanker sagen, sie kennen die sogenannte Potenzialrate nicht, fahren sie auf Sicht“, befürchtet Joachim Scheide, Leiter des Prognosezentrums des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel.

Das Potenzialwachstum gibt an, wie stark eine Volkswirtschaft im langfristigen Trend – also konjunkturbereinigt – inflationsfrei wachsen kann. Es ist eine wichtige Referenzgröße zur Ermittlung der Auslastung der Produktionskapazitäten. Und sie ist bedeutsam für die Erstellung von Wachstumsprognosen. Die wiederum sind eine Grundlage für die Zinspolitik.

EZB-Vizepräsident Lucas Papademos hatte unlängst Probleme bei der Ermittlung der Potenzialrate eingeräumt. „Es ist unsicher, sie zu bestimmen“, sagte er. Im gleichen Atemzug hatte er aber angekündigt, dass die Geldpolitik in Abhängigkeit von der Stärke und der Geschwindigkeit der wirtschaftlichen Erholung wieder restriktiver werde und den Zeitpunkt dafür mit der schwer fassbaren Potenzialrate erklärt. „Es kommt darauf an, wie schnell sich die Wachstumsrate im Euro-Raum wieder der Potenzialrate annähert, bis zu der die Wirtschaft inflationsfrei wachsen kann“, erläuterte Papademos.

Ralph Solveen, Volkswirt bei der Commerzbank, hält dagegen. „Wenn man ehrlich ist, muss man eingestehen: Ich weiß nicht, wo die Schwelle liegt, ab wo die Inflation wieder zu beißen beginnt“, sagt er. Im Moment erwarte niemand, dass das schon 2010 oder 2011 der Fall sein werde. Implizit gingen alle davon aus, dass es noch eine beachtliche Outputlücke gebe, die zu schließen sei, ehe wieder Inflationsgefahren einsetzten. Unter Outputlücke versteht man die Differenz zwischen dem tatsächlichen Wachstum und dem Potenzialwachstum.

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank, weist auf weitere Schwierigkeiten bei der Bestimmung der Potenzialrate hin. „Wir wissen bei der gesamtwirtschaftlichen Auslastung nicht, welche Produktionskapazitäten durch die Krise vernichtet wurden und abgeschrieben worden sind“, sagt er. Auch am Arbeitsmarkt sei unklar, wie groß die Kapazitäten in Wahrheit seien, wenn wie zurzeit gravierende Umstrukturierungen anstünden. „Das Spielfeld der Notenbanker war schon immer neblig“, sagt Kater. „Jetzt ist ihnen auch noch das Licht ausgeknipst worden.“

Seite 1:

EZB-Rat stochert im Nebel

Seite 2:

Kommentare zu " Geschrumpftes Wachstumspotenzial: EZB-Rat stochert im Nebel"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%