Gewerkschaften: Fast jeder vierte erwerbsfähige Schwede hat keinen Job
Schweden: Wirtschaftswachstum geht am Arbeitsmarkt vorbei

Eigentlich müsste der schwedische Regierungschef Göran Persson mit den Wirtschaftsdaten seinen Landes zufrieden sein: Der Exportmotor läuft auf Hochtouren – angetrieben von Ericsson, Electrolux, Scania, Volvo und anderen Konzernen. Auch die Investitionen der Industrie sind höher als seit langem, und die Inflation liegt deutlich unter dem Zwei-Prozent-Ziel der schwedischen Zentralbank.

STOCKHOLM. Tatsächlich aber bereitet die Konjunktur dem Sozialdemokrat Persson eineinhalb Jahre vor der nächsten Parlamentswahl im September 2006 Kopfschmerzen. Denn trotz der guten Rahmendaten verbessert sich die Lage am Arbeitsmarkt nicht: Zwar liegt die Arbeitslosenquote in Schweden nach offiziellen Angaben derzeit bei 5,7 Prozent. Doch die verdeckte Arbeitslosigkeit ist deutlich höher – Volkswirte schätzen sie auf über acht Prozent.

Der Gewerkschaftsdachverband LO sieht mittlerweile sogar fast jeden vierten Schweden im arbeitsfähigen Alter unfreiwillig keinen Job haben. „Wir verwenden das Krankengeld und den Vorruhestand als Bezahlung für Menschen, damit sie nicht arbeiten“, sagt LO-Ökonom Hans Karlsson. Er geht von einer Million Menschen in Schweden aus, die außerhalb des Arbeitsmarkts stehen. Von ihnen sei etwa die Hälfte aber arbeitsfähig. „Deshalb sind zwischen 20 und 25 Prozent der Menschen im arbeitsfähigem Alter ohne Arbeit“, sagt Karlsson.

Auch für Cecilia Hermansson, Ökonomin bei Swedbank, ist die Arbeitsmarktpolitik die größte Herausforderung für das Land. „Ich gehöre zu denen, die sich Sorgen über Schwedens Zukunft machen“, sagt sie und nennt als wichtigste Aufgabe, die Gründung kleinerer und mittlerer Unternehmen zu fördern. „Ich glaube nicht, dass die Jobs künftig bei den großen Konzernen entstehen.“ Tatsächlich kündigen immer mehr schwedische Konzerne die Auslagerung von Arbeitsplätzen nach Osteuropa und Asien an.

Bessere Ausbildungsanreize stehen auf Hermanssons Wunschliste genauso wie eine Senkung der Steuern. Die Arbeit sei absolut zu hoch besteuert, meint die Expertin und geht damit direkt auf Gegenkurs zu Finanzminister Pär Nuder, der erst kürzlich zur weiteren Finanzierung des Sozialsystems sogar eine Anhebung der Steuersätze angedeutet hat.

Schweden kämpft mit dem Problem eines beschäftigungslosen Wachstums, da sind sich nahezu alle Experten sicher. Das staatliche Konjunkturinstitut hat erst gestern vorgerechnet, dass trotz steigenden Investitionen und einer weiterhin guten Binnennachfrage kaum neue Arbeitsplätze entstehen, da die Unternehmen auch die Produktivität deutlich erhöht haben. Schwedens größte Wirtschaftszeitung „Dagens Industri“ berichtete vergangene Woche, dass die fünf größten Investitionsprojekte mit einem Gesamtvolumen von 13,7 Mrd. Kronen (1,5 Mrd. Euro) gerade einmal zur Schaffung von 100 neuen Jobs beigetragen haben. „Wir sehen eine stabile Konjunktur, und es wird auch einige Jobs mehr geben, doch gleichzeitig wächst die Bevölkerung“, sagt Stefan Fölster, Chefvolkswirt beim Schwedischen Industrieverband.

Sein Verband prognostiziert für das Wahljahr 2006 eine Arbeitslosenquote von 5,1 Prozent nach 5,3 Prozent in diesem Jahr. Das Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) sinkt nach den Berechnungen des Industrieverbandes nach 3,5 Prozent im vergangenen Jahr auf 2,7 Prozent in diesem und 2,2 Prozent im kommenden Jahr.

Sorgen dürfte der Regierung in Stockholm nicht nur das abflachende Wachstum bereiten, sondern auch das sinkende Vertrauen der Wirtschaft und der Verbraucher in die Konjunktur. Der Chef des Konjunkturinstituts, Ingemar Hansson, forderte am Mittwoch erneut die Zentralbank auf, die Leitzinsen zu senken, um die Wirtschaft anzukurbeln. Bei der Zentralbank sind solche Forderungen bislang auf taube Ohren gestoßen.

Die Regierung will rechtzeitig zum Wahljahr ein neues Beschäftigungsprogramm auf den Weg bringen. Das allerdings wird von Gewerkschaftler Karlsson kritisiert. „Was wir brauchen, sind richtige Jobs und keine Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.“

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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