GfK-Chef
„Ein Arbeitsloser ängstigt drei Arbeiter“

Die Deutschen wandeln sich vom Miesepeter zum Konsum-Optimisten. Die Shopping-verliebten Amerikaner müssen währenddessen das Sparen lernen. Dieses Phänomen erklärt Klaus Wübbenhorst, Vorstandschef des größten deutschen Marktforschungsinstituts GfK, im Gespräch mit dem Handelsblatt.
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Handelsblatt: Geht es beim Konsum allein um Kaufkraft, oder wandeln sich die Mentalitäten in Deutschland und den USA?

Klaus Wübbenhorst: Primär geht es um Kaufkraft. Bei hoher Arbeitslosigkeit sinkt die Massenkaufkraft und umgekehrt. Psychologisch geht es aber auch um Planungssicherheit und Wohlbefinden. Auf beiden Ebenen steht der deutsche Verbraucher dank des stabilen Arbeitsmarkts und der anziehenden Konjunktur derzeit besser da.

Offiziell ist die Rezession auch in Nordamerika seit Sommer 2009 vorbei. Was bremst den US-Konsumenten so stark?

Er muss sich mit dem für ihn ungewohnten Thema Massenarbeitslosigkeit auseinandersetzen. Das verunsichert ihn, lässt seine Sparneigung steigen und führt zu einem überlegteren Konsum.

Und Deutschland schlägt in die andere Richtung aus?

Der deutsche Konsument ist zumindest nicht mehr der Pessimist vergangener Tage. Er hat sich in der Krise überraschend resistent gegen die Flut negativer Nachrichten gezeigt. Das von uns gemessene Konsumklima stieg zuletzt auf ein Drei-Jahres-Hoch.

Ist der Wandel nachhaltig?

Für Deutschland sehe ich eine langsame Wende hin zu mehr Konsum. Für die USA kommt es darauf an, wie lange die Flaute anhält. Sicher werden einige Konsumenten aus der Krise ihre Schlüsse ziehen und vorsichtiger konsumieren. An der Mentalität wird sich aber bei besseren Rahmenbedingungen langfristig nicht viel ändern. Der Konsum wird weiter eine zentrale Rolle spielen, weil "Shopping" immer noch Erlebnischarakter hat; viele Konsumtrends werden nach wie vor in den USA gesetzt.

Wie stark sind Arbeitslosenrate und Konsumstimmung korreliert?

Die Korrelation ist sehr stark, vor allem bei uns. Wir wissen aus unseren Studien, dass ein Arbeitsloser drei Beschäftigten Angst macht und Arbeitslosigkeit traditionell die Hauptsorge der Deutschen ist. Eine Umfrage, die wir mit AP in den USA durchführen, zeigt, dass Arbeitslosigkeit und Wirtschaft jetzt auch auf der Sorgenliste der US-Bürger weit oben stehen.

Was beeinflusst den Konsum noch?

Unsere Immobilienmärkte sind stabiler, nach unten wie nach oben, die privaten Haushalte waren von der Immobilienkrise deutlich weniger betroffen. Das ist auch ein Grund, weshalb die Konsumneigung in Deutschland unter den europäischen Industrieländern derzeit am höchsten ist.

Muss die schlechte Stimmung der US-Verbraucher die Deutschen ängstigen?

Deutschland exportiert nur noch etwa zehn Prozent in die USA. Dennoch gilt: Die USA sind die weltgrößte Volkswirtschaft, und sie hängt zu etwa 70 Prozent vom privaten Konsum ab. Fängt sie an zu husten, bekommen andere eine Erkältung.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland

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