Großbritannien: Top-Notenbanker streiten öffentlich um geldpolitischen Kurs

Großbritannien
Top-Notenbanker streiten öffentlich um geldpolitischen Kurs

Die einflussreichsten Notenbanker Britanniens streiten offen darum, welchen geldpolitischen Kurs sie künftig einschlagen wollen. Die Gretchenfrage lautet: Soll die Geldmenge weiter ausgeweitet werden? Experten diskutieren leidenschaftlich.
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HB LONDON. In der Führungsspitze der Bank von England wird der Streit um den richtigen geldpolitischen Kurs der Notenbank heftiger: Während Notenbanker Andrew Sentance in einem am Dienstag veröffentlichten Zeitungsinterview davor warnte, über zusätzliche Staatsanleihenkäufe noch mehr Geld in die Wirtschaft zu pumpen und Zinserhöhungen forderte, will sein Kollege Adam Posen die nach wie vor schwächelnde Konjunktur mit immer mehr Zentralbankgeld auf Trab bringen. „Die Geldpolitik sollte weiter aggressiv die Erholung der Wirtschaft unterstützen und ich denke, dass dazu die Geldmenge noch stärker ausgeweitet werden sollte“, sagte Posen in Hull in Nordengland. Posen und Sentance sind beide Mitglieder des geldpolitischen Komitees der Bank of England, das das nächste Mal am 7. Oktober über die Leitzinsen und den geldpolitischen Kurs entscheidet.

Die Bank of England hatte in der 2007 ausgebrochenen Finanz- und Wirtschaftskrise so wie die meisten anderen Notenbanken auch ihren Leitzins massiv gesenkt und zusätzlich viele Mrd. in die Wirtschaft gepumpt. Dafür hat sie bislang Staatsanleihen in einem Volumen von 200 Mrd. Pfund gekauft. Seit Monaten wird spekuliert, dass die Notenbanker weitere Ankäufe ins Auge fassen könnten, um die Konjunktur zu stimulieren. Die sehr stark vom Finanzsektor abhängige Wirtschaft des Landes konnte sich zum einen nur mühsam aus der schwersten Rezession seit Generationen befreien. Zum anderen belastet der eingeschlagene Sparkurs der Regierung. Beim Leitzins, der seit der Krise auf rekordniedrigen 0,5 Prozent steht, hat die Notenbank kaum mehr Spielraum.

Der als geldpolitischer Hardliner bekannte Andrew Sentance will den Leitzins deshalb so bald wie möglich anheben. „Die Geldmenge mit weiteren unkonventionellen Maßnahmen aufzublähen, würde ein ganz falsches Bild der Wirtschaftslage zeichnen“, sagte er der „Nottingham Post“. „Ich denke, es wäre hingegen an der Zeit, den Grundstein dafür zu legen, die Zinsen maßvoll und graduell anzuheben und damit dem Umstand Rechnung zu tragen, dass sich die Wirtschaftslage gebessert hat.“ Das Sparprogramm der Regierung, das von vielen Experten als große Belastung gesehen wird, werde „letztlich nicht den Weg der Wirtschaft bestimmen“.

Adam Posen ist da ganz anderer Meinung. Er fürchtet, dass Großbritannien ähnlich wie Japan seit den 90er-Jahren in eine Art Dauerkrise rutschen könnte, sollte die Zentralbank ihre Unterstützung für die Konjunktur zu früh drosseln. „Wir sind noch einen langen Weg entfernt vom Normalzustand und wir sind einen sehr, sehr langen Weg entfernt von einer Überhitzung“, sagte er laut Redetext. Für den Fall, dass die Notenbank unter Führung von Gouverneur Mervyn King nicht zu weiteren Stimuli bereit seien, empfiehlt Posen der Regierung die Auflage eines neuen Konjunkturpakets oder den Ankauf von Unternehmensanleihen, um einzelnen Unternehmen oder Branchen stärker unter die Arme zu greifen.

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  • ich wette 10 Unzen Gold, wenn diese Krise vorbei ist und irgendein Trottel erwähnt noch John Maynard Keynes oder Milton Friedmann, der wird erschossen....

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