Häusermarkt torpediert Wirtschaft
Irland rutscht in eine Rezession

Die Immobilienkrise hat das irische Wirtschaftswunder beendet. Der „Keltische Tiger“ ist binnen weniger Monate vom Musterland zum Schlusslicht der Euro-Zone abgestiegen. Am Donnerstag machte es das Zentrale Statistikamt offiziell: Irland steckt in der Rezession. 2007 war die Wirtschaft des Landes noch um sechs Prozent gewachsen, 2008 wird wohl ein Minus vor dem Ergebnis stehen. Das gab es seit 25 Jahren nicht mehr.

LONDON. Der jähe Absturz ist auf ein Bündel von Faktoren zurückzuführen: Ähnlich wie in den USA, Großbritannien und Spanien war auch der irische Immobilienmarkt stark überhitzt. Nun folgt die schmerzliche Korrektur. Noch dazu war die irische Erfolgsstory zu guten Teilen auf die Ansiedlung von US-Investoren zurückzuführen. Sie schätzen die einmalige Position des Inselstaates als steuergünstiger, englischsprachiger Standort in der Euro-Zone. Darum war immer klar, dass ein Abschwung in den USA Irland besonders hart treffen musste. Drittens hatte sich Irland auch als mild regulierter Bankenstandort einen Namen gemacht. Die globale Finanzkrise schlägt nun auch in Dublin hart durch.

Um 0,5 Prozent sank im zweiten Quartal das Bruttoinlandsprodukt (BIP), nachdem es schon im ersten Quartal um 0,3 Prozent geschrumpft war. Das heißt nach gängiger Definition, dass Irland in der Rezession steckt. Im Jahresvergleich lag die Wirtschaftsleistung im ersten Halbjahr bereits um ein Prozent unter Vorjahr. Volkswirte fürchten, dass sich die Zahlen im dritten Quartal eher noch verschlechtern. An eine schnelle Erholung glauben sie nicht.

„Der Häusermarkt torpediert die Wirtschaft“, sagte Pat McArdle, Chefvolkswirt der Ulster Bank. „Das dritte Quartal wird definitiv noch schlimmer ausfallen.“ Der Beitrag des Bausektors zum BIP schrumpfte im zweiten Quartal um 12,2 Prozent, weil ein Fünftel weniger Häuser gebaut wurde. Sogar um 18,8 Prozent brach die Investitionstätigkeit ein. Der Konsum reagierte mit einem Minus von 1,4 Prozent auf die verschlechterte Lage. Nur die Industrieproduktion hielt sich im Plus. „Alles, was für die irische Wirtschaft schiefgehen konnte, ist schief gegangen“, fasste der Chefvolkswirt der Bank of Ireland, Dan McLaughlin, jüngst zusammen.

Der finanzpolitische Sprecher der größten Oppositionspartei Fine Gael, Richard Bruton, wirft der Regierung vor, unvorbereitet in die Krise gegangen zu sein. Regierungschef Brian Cowen hatte noch letztes Jahr als Finanzminister ein ehrgeiziges Infrastrukturprogramm aufgelegt, um Irlands Straßen- und Schienennetz zu modernisieren. Das steht nun angesichts rasch steigender Haushaltsdefizite infrage. Bis zu den Haushaltsberatungen in drei Wochen muss Cowen eine neue Balance finden.

Ähnlich rasant ist der Umschwung auf dem Arbeitsmarkt. Gerade war Irland angesichts eines Mangels an Arbeitskräften im Service und am Bau erstmals zum Einwanderungsland geworden. Doch nun steigen die Arbeitslosenzahlen. Die Arbeitslosenquote, die in den vergangenen fünf Jahren stabil bei 4,5 Prozent lag, schoss im August auf 6,1 Prozent hoch.

Diese Echos der trüben achtziger Jahre drücken auf die Kauflust. Die Verbraucher seien um Ostern herum in den Streik getreten, sagt Ronnie O’Toole, Chefvolkswirt der National Irish Bank. Ihre Stimmung sei schlechter als die Lage. Die Iren sind verunsichert, weil die Tiger-Jahre offensichtlich vorüber sind. Sie fürchten, ihren neu gewonnenen Wohlstand wieder einzubüßen. Das Land muss die Übertreibungen des Booms korrigieren und einen neuen, nachhaltigen Wachstumspfad finden.

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