Handelsblatt-Gespräch
Trichet: „Wir sind wachsam“

Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank, über Konjunktur, Strukturreformen und Einmischungen von Politikern. Ein Handelsblatt-Interview.

Handelsblatt: Herr Präsident, eines der Hauptprobleme für die Wirtschaft in Europa ist die Entwicklung des Euro-Wechselkurses zum Dollar. Als sich der Wechselkurs auf 1,30 Dollar zubewegte, haben Sie Ihre Sorge hierüber zum Ausdruck gebracht. Sind Sie jetzt, mit einem Wechselkurs deutlich darunter, weniger besorgt?

Jean-Claude Trichet: Ich war als Präsident der Europäischen Zentralbank der Erste, der in Europa darauf hinwies, dass wir mit exzessiven Kursbewegungen nicht zufrieden waren. Das wurde von den Marktteilnehmern als wichtige Botschaft aufgefasst. Dann hatten wir die Position der Euro-Gruppe, Europas insgesamt, und schließlich die Position der G7 in Boca Raton, die alle dieselbe Botschaft enthielten. Dazu gehörte, dass exzessive Kursbewegungen nicht wünschenswert sind. Es ist sehr wichtig, dass wir alle in Europa und in den USA zum Euro-Dollar-Wechselkurs die gleiche Sprache sprechen. Ich stehe weiterhin voll zu unserer europäischen Position sowie zu unserer gemeinsamen Erklärung in der G7.

Sie sagten kürzlich, die Risiken für Ihr Hauptszenario eines fortgesetzten, graduellen Aufschwungs seien ausgeglichen. Haben die Daten der letzten Wochen an diesem Urteil etwas geändert?

Wir treffen uns, wie Sie wissen, jeden Monat, um die Situation zu analysieren, und die 18 Ratsmitglieder arbeiten gemeinsam ihre genaue Diagnose aus. Wir tun das auf außerordentlich transparente Weise. Sie kennen unsere Analyse aus der letzten Sitzung, und wir werden nach der nächsten Sitzung eine neue Analyse präsentieren. Unsere Einschätzungen gehen von einer graduellen wirtschaftlichen Erholung aus. Zurzeit analysieren wir die wirtschaftlichen Daten. Wir sind wachsam und aufmerksam. Sollten sich unsere Erwartungen eines stärkeren Konsums der privaten Haushalte und der gesamten Inlandsnachfrage nicht erfüllen, würden wir unsere Einschätzung dementsprechend ausarbeiten, in vollem Einklang mit unserer geldpolitischen Strategie.

Bundeskanzler Gerhard Schröder hat deutlich gemacht, dass er die Leitzinsen in Europa für zu hoch hält. Betrachten Sie das als ungebetene Einmischung?

Vor vielen Jahren als Gouverneur der Banque de France erzählten mir meine Freunde bei der Deutschen Bundesbank, dass dies gelegentlich geschah und dass Kanzler Adenauer der Erste war, der es getan hat. Alles in allem hat Kanzler Adenauers Appell zur Reputation der Deutschen Bundesbank beigetragen, weil diese danach ihre Entscheidung in voller Unabhängigkeit getroffen hat.

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