Eurokonjunktur Juli
Erste Lichtblicke für die Euro-Zone

Die Konjunktur in der Euro-Zone könnte sich im zweiten Halbjahr etwas aufhellen. Das signalisiert der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indiktor. Das Barometer stagnierte im Juli. Es prognostiziert nun sowohl für das dritte als auch das vierte Quartal einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 1,5 Prozent in gleitender Jahresrate. Diese zeigt die Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts in den vergangenen vier Quartalen gegenüber den vorherigen vier Quartalen. Im vierten Quartal stimmt die gleitende Jahresrate mit dem BIP-Wachstum im Gesamtjahr überein.

doh DÜSSELDORF. Alle Einzelwerte, die in den Indikator einfließen, haben sich zuletzt verbessert oder zumindest nicht weiter verschlechtert. Dennoch: „Von einer Trendwende kann nicht gesprochen werden“, sagt Ulrich van Suntum, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität in Münster. Er hat den Indikator entwickelt und berechnet ihn monatlich. „Nachdem das Wachstum in der Euro-Zone im letzten Jahr noch 1,7 Prozent betragen hatte, wird der Aufschwung auf 2006 vertagt werden müssen“, sagt van Suntum.

Der Grund für seine Zurückhaltung: Für die Auftragseingänge und die Industrieproduktion seien starke monatliche Schwankungen durchaus typisch. Im nächsten Monat könne alles schon wieder ganz anders aussehen. Zudem weist van Suntum darauf hin, dass im Durchschnitt der vergangenen drei Monate sowohl die Nachfrage als auch die Produktion in der Industrie noch immer leicht abgenommen haben.

>>Der Euro-Konjunkturindikator

Obwohl der wirtschaftliche Aufschwung in der Euro-Zone laut van Suntum erst im kommenden Jahr erwartet werden darf, spricht sich der Volkswirt dagegen aus, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen senkt. „Die Geldhähne stehen ohnehin schon sperrangelweit offen“, sagt er. Die in den Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator eingehende Geldmenge M1 – sie umfasst Bargeld und täglich fällige Guthaben bei Banken – sei zuletzt zweistellig gewachsen. Auch die Zuwachsrate von M3 – dazu zählen auch Spareinlagen mit dreimonatiger Kündigungsfrist sowie Guthaben und Schuldverschreibungen mit bis zu zweijähriger Bindungsfrist – habe sich im Mai deutlich auf über sieben Prozent erhöht. „Zusammen mit dem rasant gestiegenen Ölpreis und dem schwächelnden Euro braut sich da ein bedrohliches Inflationspotential zusammen“, argumentiert van Suntum.

Nicht nur die harten Daten, auch die aktuelle Stimmungsentwicklung in der Euro-Zone kann man nach Ansicht des Ökonomen „bestenfalls als durchwachsen“ bezeichnen. Zwar habe sich im Juni das Industrievertrauen erstmals seit acht Monaten leicht verbessert, es liege aber noch immer auf dem niedrigsten Stand seit Februar 2003. Auch das Konsumentenvertrauen verharrt weiterhin auf dem Tiefpunkt, den es bereits im Mai erreicht hatte.

Dennoch fällt die Prognose für die Euro-Zone insgesamt weit besser aus als für Deutschland: Der aktuelle Handelsblatt-Frühindikator, der ebenfalls von van Suntum berechnet wird, prognostiziert für Deutschland vorläufig nur einen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes im laufenden Jahr um 0,5 Prozent. Als Grund für die schwache Entwicklung der deutschen Wirtschaft sieht van Suntum vor allem die rückläufigen Auftragseingänge für die deutsche Industrie. Nach einem kleinen Zwischenhoch im März sei die Nachfrage im verarbeitenden Gewerbe und auch im Bauhauptgewerbe „in die alte Lethargie“ verfallen, kommentiert der Ökonom.

Das Industrievertrauen (Gewicht: fünf Prozent) ist im Juni im Vormonatsvergleich um einen Punkt auf minus zehn Zähler gestiegen. Die Produktionserwartungen und die Lagerbestände wurden etwas besser als im Vormonat eingeschätzt, die Auftragslage genauso unbefriedigend wie im Vormonat bewertet. Das Konsumentenvertrauen (Gewicht: 24 Prozent) hat im Juni bei minus 15 Punkten stagniert und ist damit schwächer als vor Jahresfrist geblieben. In Deutschland hat es sich ebenso wie in Italien und Spanien zuletzt sogar weiter eingetrübt – was aber vor allem durch eine positive Entwicklung in Frankreich ausgeglichen wurde.

Die Industrieproduktion (Gewicht: 29 Prozent) legte im April im Vergleich zum Vormonat um 0,5 Prozent zu. In den beiden Monaten zuvor hatte sie jeweils nachgegeben. Das Auf und Ab in den vergangenen neun Monaten hat insgesamt keinen Anstieg im Produktionsniveau gebracht, eine Trendwende ist noch nicht absehbar.

Die Auftragseingänge der Industrie (Gewicht: 19 Prozent) legten im April erstmals seit drei Monaten wieder zu, allerdings mit 1,5 Prozent gegenüber dem Vormonat nur relativ leicht. Am stärksten wuchs die Nachfrage zuletzt im Textil- und Bekleidungsgewerbe sowie im Maschinen- und Anlagenbau – dort waren zuvor aber auch die stärksten Einbrüche verzeichnet worden.

Die Zuwachsrate der Geldmenge M1 (Gewicht: 23 Prozent) hat im Mai deutlich von 9,3 Prozent in den beiden Vormonaten auf 10,1 Prozent zugelegt. Auch die weiter abgegrenzte Geldmenge M3 ist mit 7,3 Prozent deutlich stärker gestiegen als noch im März und April, als sie um 6,5 Prozent und 6,8 Prozent gewachsen war. Auch wenn die Inflationsrate im Euro-Raum noch knapp über der Zwei-Prozent-Grenze liegt, hat sich die Gefahr für die Geldwertstabilität erhöht.

Definition: Der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator soll frühzeitig Wendepunkte der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung anzeigen und läuft ihr etwa drei Monate voraus. Referenzgröße ist die gleitende Jahresrate des realen Bruttoinlandsprodukts. Das ist die Veränderung in den vergangenen vier Quartalen gegenüber den vorherigen vier Quartalen.

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