Frühindikator November
Wirtschaftswachstum kann sich beschleunigen

Die Chancen für eine Beschleunigung des Wirtschaftswachstums in Deutschland nach der Jahreswende sind gestiegen. Denn der Handelsblatt-Frühindikator, der der konjunkturellen Entwicklung etwa drei Monate voraus läuft, liefert im November für das erste Quartal 2006 eine optimistischere Prognose als im Oktober.

ari DÜSSELDORF. Ausschlaggebend waren eine sich festigende Nachfrage bei Industrie und Bauhauptgewerbe sowie verbesserte Geschäftserwartungen im verarbeitenden Gewerbe. Der Frühindikator sagt jetzt einen Anstieg des gesamtdeutschen realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) in gleitender Jahresrate von 1,1 Prozent voraus.

Im Oktober war die Indikatorprognose für den gleichen Zeitraum noch 0,2 Prozentpunkte niedriger, hatte aber bereits ein schnelleres Wachstum signalisiert als bis Ende dieses Jahres. Die gleitende Jahresrate für das erste Quartal stellt die Veränderung des BIP im Zeitraum April 2005 bis März 2006 gegenüber dem Zeitraum April 2004 bis März 2005 dar. Am Jahresende entspricht die gleitende Jahresrate dem Wirtschaftswachstum im Gesamtjahr. Für 2005 prognostiziert der Handelsblatt-Frühindikator weiterhin 0,7 Prozent. Er liegt damit um einen Zehntel-Prozentpunkt unter der Vorhersage der sechs führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten.

Gesamtdeutscher Frühindikator: >>Tabellen

Die Institute erwarten im nächsten Jahr ein Wachstum von 1,2 Prozent. „Sollte sich die Konjunkturdynamik der vergangenen Monate fortsetzen, dürfte für 2006 sogar wesentlich mehr drin sein“, sagt Ulrich van Suntum, Ökonomieprofessor in Münster. Er hat den Handelsblatt-Frühindikator entwickelt und betreut ihn laufend. Ein höheres Wachstum als bisher veranschlagt ist nach van Suntums Ansicht aber nur erreichbar, wenn die Politik der Konjunktur nicht die Luft nehme. Die schlechteste aller Varianten im Zuge der Konsolidierung des Staatshaushalts wären Steuer- und Abgabenerhöhungen ohne nachhaltige Ausgabenkürzungen, sagt van Suntum. Er plädiert für eine „Kombination von Ausgabenkürzungen und Einnahmeerhöhungen im Verhältnis von mindestens drei zu eins“.

Konjunkturbarometer Ost: >>Tabellen

Gestützt werden die günstigeren Konjunkturaussichten nicht nur durch die im Oktober gestiegenen Stimmungsindikatoren. Auch die realwirtschaftliche Entwicklung hat sich zuletzt gebessert. Besonders positiv wertet van Suntum, dass die für die Konjunktur wichtige Inlandsnachfrage nach Investitionsgütern im August gestiegen ist – trotz der sonst schwachen Binnennachfrage, die sich im Rückgang des Einzelhandelsumsatzes einschließlich Kraftfahrzeug- und Tankstellen-Handel niederschlägt.

Auch die höhere Kapazitätsauslastung in der Industrie kann zu den Anzeichnen für eine echte Konjunkturwende gezählt werden. Nach der Oktober-Umfrage unter den deutschen Einkaufsmanagern in der Industrie ist es deshalb unter dem Strich auch zu Neueinstellungen von Arbeitskräften gekommen.

Auch für die Wirtschaft in Ostdeutschland sind die Chancen für eine Wachstumsbeschleunigung gestiegen. Das Handelsblatt-Ostbarometer sagt für 2005 ein Wachstum von 0,8 Prozent und für das erste Quartal 2006 jetzt einen BIP-Anstieg in gleitender Jahresrate von 1,4 Prozent voraus.

Die Auftragseingänge beim verarbeitenden Gewerbe (Gewicht zwölf Prozent) haben im August gegenüber Juli zwar um 3,8 Prozent nachgegeben. Doch das dürfte eher eine technische Reaktion auf den überaus starken, durch Großaufträge verzerrten Anstieg im Vormonat von 4,1 Prozent gewesen sein. Auf Monatssicht sanken die Auslandsnachfrage um 6,2 Prozent und die Inlandsbestellungen um 1,2 Prozent. Konjunkturell bedeutsam ist, dass die inländische Investitionsgüternachfrage entgegen diesem Trend um 1,6 Prozent zugelegt hat.

Die Bau-Nachfrage (Gewicht 24 Prozent) ist im August gegenüber Juli sprunghaft um 5,4 Prozent gestiegen. Der Trend weist schon seit Mai nach oben. Das jüngste Plus wurde allerdings ausschließlich im Tiefbau (14 Prozent) erzielt. Offenbar kam es vor allem in Westdeutschland zu Großaufträgen.

Die Einzelhandelsumsätze (Gewicht elf Prozent) sind im August einschließlich Auto- und Tankstellenhandel erneut leicht um 0,4 Prozent gesunken. Für September zeichnet sich vorläufigen Berechnungen zufolge ein weiterer Rückgang um ein Prozent ab, der im aktuellen Frühindikator aber noch nicht enthalten ist. Vor allem bei größeren Anschaffungen hielten sich die Verbraucher weiter zurück. Ob es in den kommenden Monaten zu einer Trendwende kommt, worauf das im Oktober stark verbesserte Geschäftsklima im westdeutschen Einzelhandel hindeutet, muss angesichts der jüngsten politischen Ereignisse in Berlin abgewartet werden. Wichtige Hinweise auf eine neuerliche Verunsicherung dürfte das nächste Konsumklima liefern. Im Oktober hatte es sich erholt.

Die Ifo-Geschäftserwartungen im gesamtdeutschen verarbeitenden Gewerbe ohne Ernährung (Gewicht 13 Prozent) haben sich im Oktober überraschend kräftig erholt. Der entsprechende Index kletterte von 3,0 auf 8,9 Punkte. Auch der Index für die Exporterwartungen ist weiter von 14,2 auf 16,4 Punkte gestiegen. Die aktuelle Geschäftslage beurteilte die Industrie ebenfalls erheblich positiver; dieser Teilindex stieg von 1,5 auf 6,3 Punkte.

Der ZEW-Index der Konjunkturerwartungen für Deutschland (Gewicht 40 Prozent) ist im Oktober von 38,6 auf 39,4 Punkte gestiegen. Er hat sich damit nach dem starken Rückgang im September etwas erholt. Die befragten Analysten und institutionellen Anleger beurteilten die aktuelle Konjunkturlage allerdings unverändert pessimistisch. Der entsprechende Index veränderte sich kaum und liegt bei minus 58 Punkten.

Definition: Der Indikator soll frühzeitig Wendepunkte der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung anzeigen und läuft ihr etwa drei Monate voraus. Referenzgröße ist die gleitende Jahresrate des realen Bruttoinlandsprodukts. Das ist die Veränderung in den vergangenen vier gegenüber den vorherigen vier Quartalen.

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